06. September 2010

Im Druck

Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Von Doris Marszk

 

Ostmitteleuropa ist altes europäisches Kernland mit einer Vielfalt an Völkern, Sprachen, Traditionen und Religionen, doch heutzutage gerät diese Region oft - zu Unrecht - aus dem Blick. Der Historiker Joachim von Puttkamer unternimmt eine Zusammenschau der Geschichte Ostmitteleuropas.

 

Er hatte vor, eine "Synthese der jüngeren Geschichte Ostmitteleuropas zu schreiben", sagt Joachim von Puttkamer im Vorwort zu seinem Buch "Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert". Zu dieser Region gehören hier Polen, Litauen, Tschechien (Böhmen, Mähren), Slowakien, Ungarn, Rumänien, Slowenien und Kroatien (die natürlich nicht alle zu allen Zeiten diese Ländernamen hatten). "Diese sollte nicht aus dem Nebeneinander herkömmlicher Nationalgeschichten, sondern aus der Zusammenschau unterschiedlicher Entwicklungen und gemeinsamer historischer Wurzeln der Region gebaut sein."

 

Im Prinzip ist dem Autor dies auf dem engen Raum von knapp 250 Seiten gelungen. Er zeigt auf, wie sich im Großen und Ganzen die einzelnen Nationalstaaten nach 1848 entwickelt haben. Gut gelungen ist auch das Kapitel über die "Aufbrüche in die Industriegesellschaft". Der Autor zeigt die Gemeinsamkeiten mit den westlichen Ländern in Bezug auf die industrielle Revolution auf, aber er streicht auch das Besondere heraus, z. B. die Bedeutung des Adels in der polnischen Gesellschaft, die sich dann  auch auf die soziale Schichtung während der industriellen Revolution auswirkte.

 

Sozial- und Wirtschaftsgeschichtliches lässt sich jedoch ohnehin besser in großen Linien darstellen als die politische Entwicklung in mehreren Staaten. In der Geschichte gibt es aber auch Einzelereignisse oder spezifische Entwicklungen, die sich ganz konkret in einem Land zu einer Krise oder Revolution auswachsen können oder auch zum Besten eines Landes wirken können. Das Problem ist genau dieser Spagat zwischen der Beschreibung der großen Linien einerseits und dem Erklären der Ereignisse für den Leser, der noch am Anfang steht. Denn die Reihe "Grundriss der Geschichte" ist für Studierende konzipiert, die sich einen Überblick verschaffen wollen. So wird beispielsweise gleich am Anfang im Kapitel "Adelsgesellschaft und ständischer Liberalismus" ein Überblick über die gesellschaftlichen Entwicklungen in den ostmitteleuropäischen Ländern gegeben. Allerdings verlangt der Autor dem Leser dabei ein enormes Vorwissen ab. Beim Abschnitt über Polen beispielsweise erwähnt er kurz hintereinander die Articuli Henriciani, die Gegenreformation und die Lubliner Union. Der Leser muss hier schon aus anderen Informationsquellen wissen, was Polen und Litauen überhaupt miteinander zu schaffen hatten oder was Henri de Valois, der persönlich gar nicht erwähnt wird, in Polen zu suchen hatte und warum seinetwegen die Articuli Henriciani ausgearbeitet wurden. Erst dann kann er die Information von v. Puttkamer genießen, was nämlich diese Ereignisse und Gegebenheiten für die weitere Geschichte des Landes bewirkten. Auch bei anderen Ländern oder Regionen setzt der Autor ständig sehr viel Wissen voraus. So heißt es über die böhmischen Länder: "Hier hatte die Gegenreformation die Fähigkeit der politischen Eliten zum Konsens um die Wende zum 17. Jahrhundert in dramatischer Weise untergraben. Der 1618 offen ausgebrochene Konflikt endete mit der Niederlage des böhmischen Ständeheeres am Weißen Berg. Dies in mehrfacher Hinsicht einschneidende Ereignis beendete auch die bisherige konfessionelle Toleranz." Schön, aber welcher Leser  hat hier sofort die Hintergründe parat? Wieso - könnte der oder die Überblicksuchende fragen - gab es denn in Böhmen überhaupt einen starken Protestantismus? Und wer waren die böhmischen Ständeheere? Und wer waren am Weißen Berg die Anderen? Es fällt an dieser Stelle kein Wort über den 200 Jahre zuvor als Ketzer verbrannten Jan Hus, über die Böhmischen Brüder, die nach seinem Tod in Böhmen an Einfluss gewannen, oder über die Verbriefung von Religionsfreiheit durch Kaiser Rudolf.

 

Dennoch ist das Buch von v. Puttkamer ein wichtiges Buch und ein notwendiges Buch. Es ist die Vogelperspektive auf die Geschichte der ostmitteleuropäischen Region. Und diese Perspektive bietet eben Deutungen, die man nur auf diese Weise bekommt und die das Verstehen mancher heutiger Reaktionen von ostmitteleuropäischen Politikern oder Gesellschaften erst ermöglicht. Außerdem umfasst das Buch einen für ein großes  geopolitisches Gebiet sehr langen Zeitraum: zwei Jahrhunderte plus Einbeziehung der Vorgeschichte. Man muss allerdings wissen, wann man das Buch mit Gewinn in die Hand nehmen kann. Es ist ganz sicher kein Buch für Osteuropa-Anfänger. Im universitären Rahmen kann es für Studierende der osteuropäischen Geschichte frühestens im Hauptstudium empfohlen werden.

 

Ein Grund dafür, dass sich das Buch an vielen Stellen die Erklärungen zu wichtigen historischen Ereignissen spart und es dem Leser oder der Leserin überlässt, sich diese Informationen aus anderen Quellen zu holen, ist sicher die 75-seitige Bibliografie. Knapp ein Viertel dieses 353 Seiten starken Buches besteht aus einer thematisch geordneten Bibliografie. Das ist ein Luxus, um dessentwillen man sich das Buch schon zulegen kann. Es werden aktuelle Publikationen mindestens bis zum Erscheinungsjahr 2008 sowohl von westeuropäischen Forschern als auch von Forschern aus Ostmitteleuropa berücksichtigt. Außerdem enthält das Buch eine stichwortartige Zeittafel (leider erst ab 1764), drei Landkarten und ein ausführliches Register.

 

Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert von Joachim von Puttkamer, Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 38, 2010, 353 S., Zeittafel, 4 Karten, ISBN 978-3-486-58169-0, € 34,80

 



 

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