22. Februar 2011

Im Druck

Uwe Knop: Hunger & Lust

von Joachim Czichos

Ein Ernährungsratgeber, der empfiehlt, nicht auf Ernährungsratgeber zu hören - das klingt verwirrend. Etwas verständlicher ist das Resümee dieses Buches: Es gibt keine für alle Menschen gültigen Ernährungsregeln. Nur der eigene Körper weiß, wie viel und welche Nahrung richtig ist. Daher der Rat: Essen Sie, wenn Sie Hunger haben, worauf Sie Lust haben und solange, bis sie satt sind! Das tun Sie automatisch, wenn Sie sich Ihrer so genannten "kulinarischen Körperintelligenz" anvertrauen, wie es der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop formuliert.

Leicht lesbar und unterhaltsam legt der Autor dar, dass jeder erwachsene Mensch ein individuelles, in seinen Genen festgelegtes Normalgewicht besitzt, das, durch Hunger- und Sättigungshormone reguliert, weitgehend stabil bleibt. Wer zu viel gegessen hat, verbraucht überschüssige Kalorien durch einen erhöhten Grundstoffwechsel und Wärmeproduktion oder verstärkte Muskelaktivität. Wer zu wenig isst, hat ständig Hunger. Tatsächlich hat man in einer Studie nachgewiesen, dass das Körpergewicht schlanker Menschen auch bei stark vermehrter Nahrungszufuhr nur wenig ansteigt und nach Rückkehr zur gewohnten Ernährung schnell wieder den Ausgangswert erreicht. Umgekehrt gilt als erwiesen, dass Diäten zur dauerhaften Verringerung des Körpergewichts sinnlos sind - es sei denn, man befolgt sie lebenslang und nimmt ein ständiges Hungergefühl in Kauf. Als logische Konsequenz daraus empfiehlt der Autor, den individuellen Sollwert des Körpergewichts zu akzeptieren und allein nach dem Prinzip "Hunger und Lust" zu essen. Die einzige Einschränkung: Das gilt nur für körperlich und psychisch Gesunde.

Bei der Wahl des Essens soll man nur seinem Bauchgefühl folgen, denn es gebe in "Schlaraffia Germania" keine gesunden und ungesunden Nahrungsmittel. "Ignorieren Sie alle Meldungen zu 'gesundem' Essen!" - und vor allem: "Vertrauen Sie keinen Studien!" Mit solchen Aufforderungen schießt der Autor aber dann doch über das lobenswerte Ziel einer kritischen Haltung zur Flut an Ernährungstipps hinaus. Hier wäre eine schärfere Trennung zwischen der berechtigten Skepsis gegenüber Gesundheitsmeldungen in den Medien und Pressemitteilungen von Firmen und Verbänden einerseits sowie den Ergebnissen seriöser Ernährungsstudien andererseits angebracht. Deutlicher zu unterscheiden wäre auch zwischen gesunden Übergewichtigen und kranken Fettleibigen. Adipositas ist eine Krankheit, nach deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten intensiv geforscht wird. Sie sollte nicht verharmlost werden ("Ist Adipositas vielleicht doch nicht so gefährlich?"). Zusatzstoffe industriell verarbeiteter Lebensmittel und Getränke stehen im Verdacht, mitverantwortlich für die Entwicklung der Fettsucht und damit verbundener Krankheiten zu sein. Deshalb ist es ratsam, beim Einkaufen nicht generell auf den Autor zu hören, der mehrfach betont: "Wählen Sie Lebensmittel nicht nach rationalen Kriterien aus,…" - und nur kurz einschränkend erwähnt, dass man doch möglichst oft frische, unverarbeitete Nahrungsmittel konsumieren sollte.

Schalten Sie also Ihren Verstand besser nicht ab, weder bei der Auswahl Ihrer Speisen noch beim Lesen dieses trotz der genannten Anmerkungen informativen und in der Grundaussage plausiblen Buches.

Hunger & Lust: Das erste Buch zur Kulinarischen Körperintelligenz von Uwe Knop, Verlag: Books on Demand, 2010, Taschenbuch, 208 Seiten, ISBN: 978-3839175293, 16,80 Euro




 

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