21. Juni 2010

Im Druck

"Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch"

Ein rundum gelungenes Werk, das den Bogen von Geistes- bis Naturwissenschaft spannt: Zwar liefert die biologisch-medizinische Seite der Gedächtnisforschung, wie sie in den Neurowissenschaften betrieben wird, wertvolle Erkenntnisse, aber zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind diese immer auf aktuelle Situationen bezogen. Man kann heute in den Neurowissenschaften Versuchspersonen zum Beispiel Begriffe oder Bildinhalte lernen und wieder erinnern lassen und dabei mit Bildgebungsverfahren die Gehirnaktivität sichtbar machen. Doch das Gedächtnis, wie es sich individuell ausgeprägt hat, können diese Methoden (noch?) nicht sichtbar machen. Um alle Facetten von Gedächtnis und Erinnerung berücksichtigen zu können, ist jetzt das interdisziplinäre Handbuch "Gedächtnis und Erinnerung" erschienen, herausgegeben von Christian Gudehus, Anne Eichenberg und Harald Welzer. Auch in diesem Buch sind einige Beiträge enthalten, die Gedächtnis und Erinnerung aus psychologischer und neurologischer Sicht behandeln. Doch dazu gesellen sich Beiträge, die beleuchten, was Geschichtswissenschaft, Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaft, Biographieforschung, Tradierungsforschung, Geschlechterforschung und Generationenforschung mit Gedächtnis und Erinnerung zu tun haben. Durch diese Wissenschaften werden nämlich auch die verschiedenen Arten des Gedächtnisses dargestellt und überhaupt herausgestellt: das autobiographische Gedächtnis, das kollektive Gedächtnis, das kulturelle Gedächtnis und das soziale Gedächtnis.

Die geisteswissenschaftlichen Beiträge zeigen und erinnern auch an das Wissen, was die Menschen vor Jahrhunderten und Jahrtausenden über das Gedächtnis besaßen. Angesichts der technischen Möglichkeiten in den heutigen Neurowissenschaften kann leicht aus dem Blick geraten, dass man sich schon in der Antike Gedanken gemacht hat über das Gedächtnis und seine Leistungen. So gibt das Kapitel über die Gedächniskunst - Ars memoriae - einen Überblick über die Vorstellungen vom Gedächtnis von Platon über Aristoteles, Cicero, die monastischen Traditionen des Mittelalters bis in die Neuzeit. Die Gedächtniskunst der Antike oder des Mittelalters wird dabei ebenso als Medium des Erinnerns aufgefasst wie die modernen Medien Fotografie, Radio, Film, Presse, Fernsehen und natürlich das Internet. Es ist ein großes Verdienst des vorliegenden Buches, diese alten Ansätze zusammenfassend wieder zugänglich zu machen.

Auch Rituale, so zeigt ein weiteres Kapitel, sind nicht zu unterschätzende Medien des Erinnerns. Rituale erlauben es "den menschlichen Erinnerungen, zutiefst persönlich und sozial geteilt zu sein", heißt es in der Einleitung zu diesem Kapitel. Dabei werden unter Ritualen gerade nicht so sehr die großen, aber singulären Rituale wie Hochzeit, Taufe oder gar eine Krönungszeremonie verstanden, sondern einfache Rituale wie das morgendliche Körperpflege- und Anziehritual, das Begrüßungsverhalten, Willkommens- oder Abwehrgesten. Einen interessanten Gesichtspunkt, dem ebenfalls ein eigenes kleines Kapitel gewidmet ist, stellen Produkte dar: "Nivea", "Persil" und Co. sind ebenfalls Erinnerungsmedien, was mindestens auf den zweiten Blick einleuchtet: Es gibt Generationen von Menschen, die mit Nivea groß geworden sind und über die Erinnerung an die Verfügbarkeit dieses Produkts eine Erinnerungsbrücke bauen können. Spätere Generationen werden etwas Ähnliches mit "Barbie"-Puppen oder "iPods" machen.

Das vorliegende Handbuch ist nicht nur ein Handbuch im besten Sinne des Wortes, ein Buch, das man zur Überprüfung von Wissen und Fakten immer wieder gern zur Hand nimmt. Es ist auch ein Buch, das in fasslicher Form immer wieder anregende Verknüpfungen zwischen den verschiedensten Bereichen der menschlichen Kultur herstellt. Man kann sich - was nicht das schlechteste Zeichen ist - immer wieder darin festlesen. Es eignet sich aber auch als Einstieg in bestimmte Forschungsgebiete. Jedes Kapitel enthält bibliografische Angaben, am Ende des Buches gibt es eine allgemeine Auswahlbibliographie, dazu Hinweise auf Fachzeitschriften, Institutionen und Projekte. Ein Sach- und ein Personenregister schließen das Buch ab.

 

INFO: "Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch", hrsg. von Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald Welzer. Verlag J. B: Metzler, Stuttgart / Weimar 2010. ISBN: 978-3476022592. 49,95 €,BUCHTIPP: "Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch","Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch", hrsg. von Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald Welzer. Verlag J. B: Metzler, Stuttgart / Weimar 2010. ISBN: 978-3476022592. 49,95 €



 

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