19. März 2010

Im Druck

"Auswandern und Zurückkehren"

Auswandern ist zurzeit "in" bei den Deutschen. Es hat den Duft von Freiheit, Abenteuer, Unkonventionalität. Gern wird dabei übersehen, dass die eigenen Einstellungen und die eigene Vergangenheit mitwandern und im Ausland nicht immer dazu führen, dass man sich dort schnell einlebt. Wie die - vorübergehende - Auswanderung von zehn Bremer Kaufmannsfamilien um 1900 aussah, hat die Historikerin Wiebke Hoffmann in ihrem Buch "Auswandern und Zurückkehren" untersucht.

"Eine Mikrostudie 1860-1930" nennt Hoffmann ihr Buch im Untertitel. Für ihr Buch hat sie keinen statistischen Ansatz gewählt, sondern sich - im Gegenteil - an Einzelbiografien orientiert, die aber gleichwohl auf zeitlich und sozial ähnlich situierte Menschen übertragbar wären. Besonderes Augenmerk richtet Hoffmann auf die Fragen nach den sozialen und familiären Beziehungen, den Geschlechterverhältnissen, der weiblichen Ökonomie und den Arbeitsformen zwischen Bremen und Übersee. Die Autorin konnte dabei nicht nur auf Quellen zurückgreifen, die im Bremer Staatsarchiv lagern. Einige Nachfahren von zeitweise ausgewanderten Bremer Kaufleuten hatten der Forscherin umfangreiche Privatkorrespondenzen sowie Fotos aus dem Nachlass der Kaufleute zur Verfügung gestellt. Dadurch war es auch möglich, die Rolle und die Haltung der Frauen in diesen ausgewanderten Kaufmannsfamilien zu untersuchen, da diese ja vor allem in privaten Briefen zum Ausdruck kommen.

Von ihren Auslandsjahren nahmen die Bremer Kaufleute auch neue Anregungen mit nach Hause. Manches lernten sie auch mit anderen Augen zu sehen als ihre Berufskollegen, die in der Hansestadt geblieben waren. Dennoch blieben sie im Großen und Ganzen ihren erlernten Werten treu. Unter den mitausgewanderten Ehefrauen gab es einige, die die Auswanderung als Möglichkeit zum Ausbruch aus einer streng festgelegten weiblichen Biografie sahen. Das Leben in der Fremde gab ihnen zumindest einen Einblick, wie man anderswo in der Welt lebte. Aber auch die Frauen blieben im Wesentlichen den erlernten Werten treu. So waren viele Bremer Kaufleute, aber auch deren Ehefrauen, kolonialpolitisch engagiert. Als Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien verlor, engagierten sich besonders die Überseeekaufleute bei Initiativen, die Kolonien zurückzubekommen.

Durch die Einbeziehung privater Briefe, Mitteilungen und Fotos entsteht für den Leser eine plastische Vorstellung, wie die bürgerlichen Auswanderer in der so genannten guten alten Zeit - die natürlich alles andere als gut war - in der Fremde gelebt haben, welche der fremdländischen Ideen und Verhaltensweisen sie annehmen konnten und in welcher Hinsicht sie doch ihrem bisherigen Denken verhaftet blieben. Das Buch, das sich eigentlich an das historische Fachpublikum widmet, ist darum auch für interessierte Laien mit Gewinn zu lesen.

 

ANGABEN
Wiebke Hoffmann: "Auswandern und Zurückkehren. Kaufmannsfamilien zwischen Bremen und Übersee. Eine Mikrostudie 1860-1930."
Waxmann Verlag, Münster 2009. ISBN 978-3830921028 € 39,90



 

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