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Kurzbiografie "Johann Heinrich Pestalozzi" von Daniel Tröhler

"Kopf, Herz, Hand" - mit diesem Slogan wird die Lehre des Schweizer Pädagogen Pestalozzi gern zusammengefasst. Doch der historische und intellektuelle Zusammenhang, in dem Johann Heinrich Pestalozzi und seine "Methode" sich entwickelten, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Die aktuelle Kurzbiografie von Daniel Tröhler, kürzlich in der Reihe "UTB Profile" erschienen, stellt diesen Gesamtzusammenhang wieder her.

Das Buch "konzentriert sich [...] auf die intellektuelle Entwicklung eines Menschen, der in einem Zeitalter größter sozialer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen - der Amerikanischen, Französischen und Helvetischen sowie der industriellen Revolution - in bemerkenswerter Weise an sozialen Idealen festhielt, mit denen er sich schon als politisch äußerst engagierter Jugendlicher in den 1760er-Jahren identifiziert hatte", schreibt Tröhler in der Einführung zu dem schmalen Bändchen.

Der Leiter des Instituts für Historische Bildungsforschung an der Pädagogischen Hochschule in Zürich hält sich an sein skizziertes Programm: Er führt den Lesern zunächst die Situation in Zürich in der Mitte des 18. Jahrhunderts vor Augen. Man erfährt hierbei auch manch wichtiges Detail zum Selbstverständnis der Schweiz. So wird um 1750 das Kreditwesen auf eine ganz neue Grundlage gestellt, bei der die heute noch bestehende Zürcher Bank Leu eine wichtige Rolle spielt. Dann lebten zwei andere berühmte Schweizer, die wenige Jahre älter waren als Pestalozzi und gegen die Oligarchisierung und Korruption der Stadt Zürich kämpften: Johann Heinrich Füssli (1741-1825) und Johann Caspar Lavater (1741-1801), die um 1760 Theologiestudenten waren. Füssli sollte später als Maler berühmt werden, Johann Caspar Lavater durch seine "Physiognomischen Fragmente", in denen er von der Physiognomie auf den Charakter schließen zu können meinte, europaweite Aufmerksamkeit erregen. Pestalozzi gehörte wie Lavater und Füssli und wie viele andere, heute eher unbekannte, junge Männer zu einer patriotischen Jugendbewegung, die von einer "Tugendrepublik" träumte. Die Haltung, die diesen jungen Männern um 1760-65 als Vorbild galt, war die von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) - er empfahl, "sich weit weg von der korrupten Stadt ein Stück Land zu kaufen, Landwirt zu werden und sich in bescheidener Manier nach Kräften der Tugend und dem Wohl des Vaterlandes zu widmen", wie Tröhler schreibt.

Pestalozzi sollte der Einzige aus seinem Kreis bleiben, der dieser Idee auch jenseits des jungen Erwachsenalters treu bleiben würde. Alle seine Unternehmungen - seine Schriften wie auch seine Initiativen zur Bildung der unteren Volksschichten - sind in diesem Kontext zu sehen. Tröhler beschreibt, welche Hindernisse Pestalozzi dabei zu überwinden hatte und wie seine verschiedenen Institutionen wie Neuhof, Burgdorf oder Yverdon entstanden. Tröhler stellt auch ausführlich dar, wie Pestalozzi sich zur Französischen Revolution von 1789 stellte und wie seine wichtigsten Schriften "Lienhard und Gertrud", "Meine Nachforschungen über die Entwiklung des Menschengeschlechts", "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" und die "Methodenbücher" ideengeschichtlich einzuordnen sind.

Viel zu kurz kommt jedoch, wie in den verschiedenen Lehranstalten, die Pestalozzi ins Leben gerufen hat, gearbeitet wurde - wie die Lehrpläne konkret aussahen und inwieweit aus seinen Zöglingen "etwas wurde". Manches wird auch nur ganz kurz erwähnt, wie etwa das "Institutsbataillon" in Yverdon. Hier erfahren die Leser über die Gestaltung der Bataillonsfahne genauso viel wie über das Bataillon selbst. Wer ausführliche Informationen über das Leben in Pestalozzis Erziehungsanstalten wissen will, muss sich anderweitig in der Forschungsliteratur umsehen.

Ingesamt aber hat Tröhler eingelöst, was angekündigt war: Er hat eine intellektuelle Biografie vorgelegt, die das Leben für das Ideal einer Tugendrepublik nachzeichnet. Die historischen Zusammenhänge sind in der deutschsprachigen Schweiz vielleicht noch eher gegenwärtig. Für interessierte Leser in Deutschland wird hier auf jeden Fall eine Wissenslücke geschlossen. Überdies bekommen die deutschen Leser einen Einblick in die Zeit der Spätaufklärung aus Schweizer Sicht.

Bibliografischer Hinweis: Daniel Tröhler: "Johann Heinrich Pestalozzi", Haupt Verlag Bern - Stuttgart -Wien, 2008 (UTB Profile), 105 Seiten.


 

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