Im Ernst

Energiewende: Schluss mit Schwarz-Weiß-Strategien

Auch Braunkohle wird noch lange zur Stromgewinnung verfeuert werden.
Auch Braunkohle wird noch lange zur Stromgewinnung verfeuert werden.
© Jan Oliver Löfken

Von Jan Oliver Löfken

Die Bundestagswahl ist vorüber, die Koalitionsgespräche laufen auf Hochtouren. Die Erwartungen sind groß, dass nach langer mutloser Lethargie der Politik das Projekt Energiewende wieder angegangen wird. Es ist höchste Zeit: Denn die bisher gültigen Bedingungen lassen Strompreise für private Haushalte steigen während sich tausende Unternehmen vor der EEG-Umlage drücken. Niedrige Kurse für CO2-Zertifikate forcieren die Verstromung von Kohle so stark, dass die gesteckten Klimaziele in immer weitere Ferne rücken. Sowohl die Vertreter der Wirtschaft als auch die Bürger verlieren – die einen schneller als die anderen – das Vertrauen in den ambitionierten Umbau der Energieversorgung.

Und was tun die Gestalter der Energiewende? Lobbygruppen jedweder Couleur kramen ihre wohl bekannten Argumente heraus, hübschen sie mit aktuellen Zahlen, die ihnen gerade zurechtkommen, etwas auf und verfallen in lähmende Grabenkämpfe. Woche für Woche werden alte Ansichten in den Ring geworfen, untermauert mit scheinbar eindeutigen Zahlen und verpackt in griffige Szenarien und Handlungsempfehlungen. Für eine schlüssige und zukunftsweisende Energiewende-Strategie ist das zu wenig. Doch es ist alles andere als einfach, die Kurzsichtigkeit der vorgebrachten Vorschläge zu entlarven. Denn in nahezu jedem steckt ein wahrer Kern. Als Basis für eine umfassende Planung der Energiewende taugen sie nicht.

Spiel mit Argumenten

Aber der Wettstreit der Strategien ist durchschaubar, wie ein Gedankenspiel mit den drei unstrittigen Zielen - Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit – offenbart. Die einzige Regel: Greifen Sie sich je ein Ziel heraus und basteln daraus ein Szenario!

Wer CO2-Emissionen senken will, wird eine Verknappung und damit Verteuerung der CO2-Zertifikate fordern. Die Folge: Kohlekraftwerke wären zunehmend unrentabel, Wind-und Solarkraftwerke müssten - gestützt durch Speicher und neue Stromtrassen – ausgebaut, Energieeffizienz von Verbrauchern gesteigert werden.

Oder

Gründet Ihre Strategie auf der Versorgungssicherheit, bleibt Kohlestrom bis auf weiteres unverzichtbar. Gaskraftwerke wären wegen der Abhängigkeit von russischen Importen wenig verlockend und die Erneuerbaren erhielten vor einer technischen Infrastruktur für die fluktuierende Stromerzeugung einen Ausbaudeckel.

Oder

Stehen kurzfristig geringere Strompreise im Mittelpunkt, gibt es für weitere Solaranlagen und Offshore-Windparks vorerst keine Zukunft. Pläne für neue Technologien für Speicher und Stromtransport bleiben in den Schubladen, Investoren in Deckung. Möglichst lange Laufzeiten für Kohle- und auch Kernkraftwerke wären die Folge.

Umgekehrt funktioniert das Spielchen natürlich auch: Man nehme sich das gewünschte Ergebnis und untermauere dessen "Alternativlosigkeit" mit der jeweils passenden Zielsetzung.

Diese Schwarz-Weiß-Denke eignet sich nur dazu, althergebrachte wie jüngst erworbene Pfründe zu sichern oder eine einmal gewählte Ideologie nicht aufgeben zu müssen. Doch die Energiewende ist zu komplex für ein Entweder-oder. Zu vielseitig, um Einzelinteressen zu genügen. Zu dringend, um noch lange zu streiten. Nötig ist eine Strategie, die Aspekte jeder Denkrichtung berücksichtigt. Allerdings haben es solche konsensorientierten Pläne sehr schwer sich durchzusetzen. Zu wenig taugen sie zur Profilierung von Politikern und zur Profitoptimierung von Anteilseignern. Zudem können Bürgern harte, einseitige und dadurch klarere Positionen leichter vermittelt werden als ausgewogene Modelle, denen der Ruch von Langweile anhängt.

Neuer Think-Tank zur Energiewende

Hoffnungslos ist die Lage jedoch nicht. So starteten die deutschen Wissenschaftsakademien ein Energiewende-Projekt, das alle gängigen Argumente bewerten und überein bringen könnte. Der offizielle Plan: "Die interdisziplinäre Initiative von acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften), Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften bündelt die in Deutschland vorhandene Expertise und zeigt wissenschaftlich fundierte Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energiewende auf." In acht Arbeitskreisen treffen sich Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen in dem im August gegründeten Think-Tank "Energiesysteme der Zukunft". Möglichst wenig von Lobbygruppen gestört wollen sie den Stand der Energiewende und die technischen Möglichkeiten ausloten. Das DLR ist in dem wichtigen Arbeitskreis "Umsetzungsoptionen" an diesem Think-Tank mit Prof. Ulrich Wagner, DLR-Vorstand für Energie und Verkehr, beteiligt. Begleitend werden gesellschaftlich relevante Aspekte, etwa der Bürgerakzeptanz, gesammelt. Sowohl wirtschaftliche Randbedingungen zum Design eines Energiemarkts als auch juristische Regularien stehen auf dem Arbeitsplan der beteiligten Experten.

Zwei Jahre hat es gedauert, bis die führenden Köpfe aus den relevanten Forschungsgebieten gewonnen werden konnten. Wesentliches Kriterium war die fachliche Expertise, einseitige wirtschaftliche und politische Interessen oder gar Ideologien sind unerwünscht. Wegen der internationalen Vernetzung der Experten sollen europäische Chancen einer Energiewende sowie aktuelle technologische Entwicklungen berücksichtigt werden. So hoch der Anspruch dieses Think-Tanks ist, so groß die Gefahr des Scheiterns. Wie sachlich und schnell werden die Experten tatsächlich arbeiten? Werden sie ausreichend Gehör in der Politik finden? Wie klappt der Transfer der Ideen zu Entscheidern, Investoren, Industrie und Bürgern?

Gelingt jedoch eine ausgewogene Strategie für die Energiewende, kann niemand mit großem Jubel rechnen. Denn alle Beteiligten werden mehr oder weniger viele Kröten zu schlucken haben. Nicht unwahrscheinlich, dass alle Lobbygruppen – wie es für die Debattenkultur in Deutschland typisch ist – etwas zu meckern haben werden. Doch wenn jeder jeweils andere Aspekte kritisierte, wäre es schon ein gutes Indiz für eine tragbare Energiewende-Strategie.

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