Im Ernst

Ich glaub', ich spinne

Das Netz der Dreiecksspinne
Das Netz der Dreiecksspinne
© Heiko Bellmann

von Joachim Czichos

Wir gratulieren der Dreiecksspinne. Sie ist die "Europäische Spinne des Jahres 2009". Damit erhält Hyptiotes paradoxus ("die merkwürdige Auf-dem-Rücken-Liegende") von 71 Spinnenexperten aus 21 europäischen Ländern endlich die Anerkennung, die sie verdient. Lange lebte das etwa fünf Millimeter große Tier völlig unbeachtet im Verborgenen. Niemand nahm ihre raffinierte Fangtechnik zur Kenntnis: Wer ihrem Netz, einem dreieckigen Ausschnitt des normalerweise kreisrunden Radnetzes, zu nahe kommt, ist verloren. Zwei Ecken ihrer Fangvorrichtung sind an Zweigen befestigt, die dritte Ecke läuft in einem Faden aus, an dessen Ende die Spinne sitzt. Gerät eine Beute ins Netz, verlängert die Spinne ihren Faden, so dass das Netz über der Beute zusammenfällt und jede Flucht unmöglich macht. Dazu tragen auch die besonders klebrigen Fangfäden bei. Da die Dreiecksspinne keine Giftdrüsen besitzt, tötet sie das Beutetier nicht sofort, sondern spinnt es völlig ein, um es später auszusaugen.


Die kleine Spinne aus der Familie der Kräuselradnetzspinnen baut ihr Netz auch in den Wäldern deutscher Mittelgebirge, wie das Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt mitteilt. Häufig findet man ihr klebriges Gespinst zwischen den unteren Zweigen der Bäume von Fichtenschonungen. Die perfekt getarnte Spinne ist dagegen nur selten zu sehen. Die Behauptung einiger Förster, Dreiecksnetze bis zu einer Größe von zwei Metern gesehen zu haben, darf man getrost als Hirn"gespinst" abtun. Folgerichtig hat es die Arachnologische Gesellschaft auch abgelehnt zu untersuchen, ob der Rückgang des Rotwildbestandes in einigen Revieren in Zusammenhang mit dem Beuteerwerb der soeben ausgezeichneten Spinne stehen könnte. Außerdem gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass auch nur ein einziger Fall eines in Waldnähe vermissten Kindes auf die äußerst effiziente Jagdtechnik der Dreiecksspinne zurückzuführen sein könnte. Wir hoffen, dass die Wahl zur Spinne des Jahres dazu beiträgt, solche bösartigen Verleumdungen endgültig zum Verstummen zu bringen.


Ihre Meinung dazu direkt an den Autor: Joachim Czichos


 

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