Gemeinsame Wohnung – dieselben Mundkeime

Das Zusammenleben von Menschen führt dazu, dass sich die Mikrobiome in ihrem Mund angleichen – gemeinsame Gene sind nicht die Ursache dafür
In den ersten Lebensjahren entwickelt sich ein Mund-Mikrobiom, das dem der Eltern und Geschwister gleicht, da Keime über den Speichel ausgetauscht werden.
In den ersten Lebensjahren entwickelt sich ein Mund-Mikrobiom, das dem der Eltern und Geschwister gleicht, da Keime über den Speichel ausgetauscht werden.
© Pereru / Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA 4.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
London (Großbritannien) - Welche Bakterienarten im Mund eines Menschen leben, hängt weniger von den eigenen Genen als vielmehr von den Mitbewohnern ab. Durch das Zusammenleben im selben Haushalt gleichen sich die Artenspektren der Mundkeime stark an, berichten britische Forscher im Fachblatt „mBio“. Demnach entwickelt sich bei Kindern, die gemeinsam aufwachsen, derselbe Bakterien-Mix. Dieser bleibt auch nach dem Verlassen der elterlichen Wohnung noch lange Zeit erhalten. Das Mikrobiom des Mundes beeinflusst nicht nur die Anfälligkeit für Karies und Parodontitis, sondern auch das Risiko für andere Infektionen und entzündliche Darmerkrankungen. Daher wäre es nützlich, die Zusammensetzung der Mundflora gezielt verändern zu können.

„Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Gesundheit“, sagt Adam Roberts vom University College London. „Deshalb wollen wir herausfinden, welche Mikroben im Mund leben, wie sie da hineingekommen sind und was sie dort machen.“ Die Mundhöhle ist von einigen hundert Bakterienarten besiedelt. „Diese Mikroben verhindern, dass von außen eindringende Krankheitserreger dort Fuß fassen“, sagt Erstautor Liam Shaw. Andererseits sei es unter bestimmten Umständen aber auch möglich, dass einzelne dieser Keime selbst Infektionen auslösen. Aus früheren Untersuchungen war bekannt, dass Familienmitglieder ein sehr ähnliches Spektrum an Bakterienarten im Mund aufweisen. Unklar blieb bisher, ob dafür hauptsächlich die genetische Verwandtschaft oder eher der Einfluss der gemeinsamen Umwelt verantwortlich ist.

Innerhalb der Mundhöhle gibt es unterschiedliche Lebensräume wie Zahnbeläge, Zunge, Schleimhaut, Zahnfleischtaschen und Speichel, die jeweils von anderen daran angepassten Mikrobenarten besiedelt sind. Die Forscher beschränkten sich für ihre Untersuchungen auf Speichelproben, da der Speichel Bakterien sämtlicher Standorte im Mund enthält. Als Probanden der Studie dienten Verwandte einer Familie orthodoxer aschkenasischer Juden, die in vier Städten auf drei Kontinenten lebten. Diese Menschen hatten aufgrund der gemeinsamen religiösen Überzeugung weitgehend ähnliche Ernährungs- und Lebensweisen, die damit als zusätzliche Einflussfaktoren nur von geringer Bedeutung waren. Zudem standen für diese Personen detaillierte individuelle Informationen über ihr Erbgut zur Verfügung. Daher konnten die Forscher den Grad der genetischen Verwandtschaft sehr exakt anhand der vorliegenden DNA-Sequenzdaten ermitteln.

Die Wissenschaftler analysierten die gesamte bakterielle DNA in jeder Speichelprobe von 157 verwandten Personen und erhielten so Auskunft über die jeweils vorhandenen Bakterienarten. Allen gemeinsam waren Spezies der Gattungen Streptococcus, Rothia, Neisseria und Prevotella. Neben diesem Kernbestand variierten die Arten an Mundkeimen zwischen einzelnen Menschen teils mehr, teils weniger. Doch das Ausmaß dieser Variationen hing überwiegend davon ab, ob die Testpersonen im selben Haushalt lebten oder als Kind gelebt hatten. Geschwister, die zusammen aufgewachsen waren, behielten ein ähnliches Spektrum an Mundbakterien, noch Jahre nachdem sie die gemeinsame Wohnung verlassen hatten. Die genetische Ähnlichkeit als Maß für die Verwandtschaft, hatte kaum einen Einfluss.

Als entscheidend erwies sich, wie eng der Kontakt zwischen den Menschen war. Die größte Ähnlichkeit der Speichelkeime zeigten zusammenlebende Ehepartner sowie Eltern mit Kindern im Alter von unter zehn Jahren. Der gegenseitige Austausch von Mikroben muss nicht unbedingt auf direktem Weg durch Küssen erfolgen, sagt Roberts. Speichel gelangt auf die Hände, von dort auf zahlreiche Gegenstände und Oberflächen der Wohnung und schließlich in den Mund eines anderen. Da die Umwelt das Mikrobiom des Mundes verändern kann, sagt Robert, wäre es vielleicht auch möglich, eine vorteilhafte Veränderung vorbeugend herbeizuführen, um beispielsweise das Risiko für Parodontitis zu senken.

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