Alzheimer: Neue Therapie schützt Ratten vor Depression und Gedächtnisverlust

Ein über längere Zeit verabreichter Wirkstoff verlängert die Lebensdauer von Neuronen und schützt vor Krankheitssymptomen, ohne aber die Proteinablagerungen im Gehirn zu verhindern
Im Vergleich zu unbehandelten Ratten (links) zeigt das Hirngewebe der behandelten Tiere (rechts) weniger „Löcher“ (Pfeile), die abgestorbene Neuronen hinterlassen haben.
Im Vergleich zu unbehandelten Ratten (links) zeigt das Hirngewebe der behandelten Tiere (rechts) weniger „Löcher“ (Pfeile), die abgestorbene Neuronen hinterlassen haben.
© Pieper Lab, University of Iowa
Iowa City (USA) - Derzeit gibt es kein Medikament, das den fortschreitenden Verlauf der Alzheimer-Krankheit stoppen kann. Die bisherigen Strategien zur Behandlung der Demenz richten sich gegen die krankheitstypischen Proteinablagerungen im Gehirn. Jetzt haben amerikanische Mediziner in Tierversuchen einen anderen Therapieansatz erfolgreich getestet. Sie behandelten Alzheimer-Ratten mit einem experimentellen Wirkstoff, der Hirnzellen vor dem Absterben schützt. Damit konnten sie ein Nachlassen der Gedächtnisleistung verhindern, obwohl sich weiterhin Beta-Amyloide und Tau-Proteine im Hirngewebe ablagerten, berichten die Forscher in einer Online-Vorabpublikation des Fachblatts „Biological Psychiatry“. Die behandelten Tiere entwickelten zudem deutlich geringere Anzeichen von Depressionen. Darunter leiden oft auch Alzheimer-Patienten, noch bevor ihre kognitiven Leistungen nachlassen. Wegen der ähnlichen Krankheitssymptome vermuten die Wissenschaftler, dass ihre Ergebnisse mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Menschen übertragbar sind.

„Therapien, die Neuronen vor dem Zelltod schützen, könnten eine neue Behandlungsstrategie für Alzheimer-Patienten sein, die sowohl unter kognitiven Defiziten als auch unter Depressionen leiden“, schreiben die Forscher um Andrew Pieper von der University of Iowa. Eine im Alter erstmals auftretende depressive Störung sei oft das erste Anzeichen einer Demenz. Ein früh eingesetztes Medikament, das gegen beide Symptome wirkt, wäre daher für die Betroffenen von doppeltem Nutzen. Die Arbeitsgruppe von Pieper hatte vor einigen Jahren eine als P7C3 bezeichnete Gruppe von Substanzen entdeckt, die eine schützende Wirkung auf Neuronen entfalteten. Diese Aminopropylcarbazole verhinderten in Tierversuchen ein Absterben von Hirnzellen bei Parkinson, nach einem Schlaganfall und nach einer Hirnverletzung. Die Wirkung der P7C3-Substanzen ist darauf zurückzuführen, dass sie die Aufnahme eines Stoffwechselprodukts verstärken, das für die Energieversorgung der Neuronen wichtig ist. Der antidepressive Effekt beruhe wahrscheinlich auf einer Schutzwirkung für neugebildete Neuronen im Hippocampus, vermuten die Wissenschaftler. Die verbesserte Gedächtnisleistung dagegen sei nur dann zu erklären, wenn auch das Absterben reifer Neuronen in Cortex und Hippocampus verhindert wird.

Um die Wirksamkeit einer P7C3-Substanz bei der Alzheimer-Demenz zu testen, arbeiteten die Forscher mit einem speziellen Typ gentechnisch veränderter Ratten. Aufgrund zweier mutierter menschlicher Gene entwickeln die Tiere mit dem Älterwerden Krankheitssymptome, die denen von Alzheimer-Patienten sehr ähnlich sind: Es bilden sich Beta-Amyloid-Plaques zwischen den Neuronen und Ablagerungen von verändertem Tau-Protein im Zellinneren; zusätzlich treten Entzündungsreaktionen im Hirngewebe auf und die Ratten lassen depressives Verhalten erkennen, bevor sich ihre Lern- und Gedächtnisleistungen verschlechtern. Die Forscher verabreichten sechs Monate alten Alzheimer-Ratten und einer Gruppe normaler Tiere täglich entweder einen P7C3-Wirkstoff oder ein Placebo.

Im Alter von 15 Monaten ließen sich noch keine Unterschiede der Lern- und Gedächtnisleistung zwischen den Gruppen nachweisen. Doch die unbehandelten Alzheimer-Ratten zeigten bereits Anzeichen für depressives Verhalten, die behandelten dagegen nicht. Im für Ratten hohen Alter von 24 Monaten schnitten die unbehandelten Alzheimer-Ratten in den Lern- und Gedächtnistests erwartungsgemäß schlechter ab als die normalen Tiere. Aber zwischen den behandelten Alzheimer-Ratten und den normalen Tieren waren die Unterschiede nur gering. Das Geschlecht der Tiere hatte keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Untersuchungen des Hirngewebes ergaben bei allen Alzheimer-Ratten – ob behandelt oder nicht – ein ähnliches Ausmaß an Ablagerungen und Entzündungsreaktionen. Allerdings waren unter dem Einfluss des P7C3-Präparats in den Regionen des Hippocampus und des Cortex weniger Neuronen abgestorben. Es sei also möglich und klinisch relevant, sagt Pieper, Hirnzellen trotz der krankhaften Veränderungen länger am Leben zu erhalten und damit Depressionen und Gedächtnisprobleme zu verhindern.

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