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Das Geheimnis der perfekten Stadt

Dubrovnik - Altstadt-Gassen machen die Hafenstadt<p> lebenswert
Dubrovnik - Altstadt-Gassen machen die Hafenstadt

lebenswert

© Jan Oliver Löfken
Intelligente Baustoffe, null Emissionen und ein perfektes Verkehrskonzept sind nicht alles: Eine Stadt muss auch Emotionen wecken.

Von Jan Oliver Löfken, Hamburg

In Megacitys wie Lagos oder Mumbai breiten sich die Slums rasant wie Krebsgeschwüre aus, in ostdeutschen Städten verwaisen ganze Wohnviertel. Zugleich erzielen in pulsierenden Met ropolen wie Sydney oder Barcelona Wohnungen immer neue Rekordpreise. Die Entwicklung der Städte, in denen mittlerweile über die Hälfte der Menschheit lebt, verläuft extrem unterschiedlich. Intelligente Entwürfe und eine nachhaltige Stadtplanung gehören zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Doch worin liegt das Geheimnis einer lebenswerten und attraktiven Stadt?

"Stahl, Brot, Frieden" – unter diesem Leitspruch hat die DDR-Regierung am 18. August 1950 den Grundstein für Eisenhüttenstadt gelegt. Am Reißbrett entworfen, sollte die urbane Retorte vor allem dem Wohl der Arbeiter und deren Familien dienen. Mit Wohnblöcken in direkter Nachbarschaft der Hochöfen, mit nah gelegenen Läden, Restaurants und Theater galt das einige Jahre später in Stalinstadt umbenannte Projekt als Ideal städtischen Lebens. "Eisenhüttenstadt ist ein klassisches Beispiel für sozialistische Stadtplanung", sagt Sebastian Seelig, Stadtplaner an der Technischen Universität Berlin. Heute schrumpft das oft als "Schrottgorod" verballhornte Vorzeigeprojekt. Tausende Einwohner sind seit 1990 weggezogen, ganze Wohnviertel stehen leer und werden abgerissen. Was bleibt, ist – trotz guten Willens – ein Beispiel kurzsichtiger und verfehlter Stadtplanung.

Retortenstadt St. Petersburg

Im Kontrast dazu hatte Zar Peter der Große 1703 mit St. Petersburg an den Ufern der Newa wohl kaum das Wohlbefinden der zukünftigen Bürger im Sinn. Der Herrscher versprach sich Ruhm, Prestige und Unsterblichkeit. Heute boomt die zweitgrößte Stadt Russlands und erfreut sich eines stetigen Zustroms neuer Einwohner. Zar Peter war in Europa beileibe nicht der einzige absolutis­tische Herrscher, der sich unter immensen Kosten mit Prunkbauten einen Platz in der Geschichte sichern wollte – wie unzählige Schlösser und Kathedralen auf dem gesamten Kontinent belegen. "Das waren Imageprojekte für Herrscher, die sich ein Denkmal setzen wollten", sagt Seelig. "Mit der heutigen Vorstellung von Stadtplanung hat das nichts zu tun." Dennoch zählen gerade Städte mit pompösen architektonischen Zeugnissen maßloser Herrscher heute zu den begehrtesten Wohnorten. Reiner Zufall?

"In einer attraktiven Stadt ist es wichtig, dass sich die Einwohner mit ihr identifizieren können", sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). "Und Monumentalbauten können das unterstützen." Nicht nur während des Absolutismus, auch in jüngerer Zeit finden sich dafür viele Beispiele. Sei es Gaudís Kathedrale "Sagrada Família" in Barcelona, der Eiffelturm in Paris oder das Opernhaus in Sydney. Zu Bauzeiten war keines dieser Bauwerke wirtschaftlich sinnvoll, sie haben sich aber alle im Laufe der Jahrzehnte zu den bedeutendsten Symbolen und Touristenmagneten ihrer Stadt entwickelt. Ein Wert, der sich heute nicht mehr in Euro oder Dollar bemessen lässt.

Skurrile Bauten stiften Identifikation

Von heute auf morgen erlangt ein Identifikationsbau aber nur selten seine prägende Bedeutung, mit vielleicht einer Ausnahme: der futuristischen Retortenstadt Brasilia. Innerhalb von vier Jahren wurde die 1960 gegründete Metropole aus dem Boden gestampft. Der Architekt Oscar Niemeyer verlieh der brasilianischen Hauptstadt mit Präsidentenpalast, Kathedrale, Universität und Ministerien ein unverwechselbares Gesicht. "Brasilia ist teilweise sehr gelungen", sagt Lampugnani. Nur die anfangs einseitige Ausrichtung auf den Autoverkehr, der kaum belebte öffentliche Räume erlaubte, kritisiert der Stadthistoriker. "Wir sind nun einmal Fußgänger, ehe wir zum Autofahrer werden. Und das muss zeitgemäße Stadtplanung unbedingt berücksichtigen." So behauptet sich Brasilia, obwohl fast 1000 Kilometer von der belebten Küste entfernt im Landesinneren gelegen, mehr und mehr und wandelt sich von einem Beamtenghetto zu einer lebendigen Großstadt.

Erfolgsgarantien gibt es aber nicht. "Stadtplanung ist so komplex wie Hirnchirurgie", weiß Sebastian Seelig. Und immer neuen Herausforderungen müssen die urbanen Siedlungen gerecht werden. So erfordert der Klimawandel ökologisches Bauen, um den Energiehunger einer Stadt deutlich zu senken. Noch in diesem Jahr entsteht in Singapur ein Testlabor für die Stadt von morgen. Unterstützt von der ETH Zürich konzentriert sich das "Future Cities Laboratory" auf eine intelligente Vernetzung von öffentlichem und privatem Verkehr, neuen Baustoffen, intelligenter Gebäudetechnologie und einem harmonischen Verhältnis zwischen Stadt und Land. "Die Resultate werden die Städteplanung prägen – in der Schweiz, in Singapur und weltweit", sagt ETH-Präsident Ralph Eichler.

Null-Energie-Stadt Masdar-City

Während in Singapur erst die Pläne für die nachhaltige Stadt der Zukunft erdacht werden, baut das Emirat Abu Dhabi bereits an der Realität. Neben den Großstädten Abu Dhabi und Dubai wächst die Öko-Stadt Masdar City aus dem Wüstenboden. Die Retorten-Siedlung soll die Umwelt weder mit Treibhausgasen noch mit Abfällen belasten. Insgesamt 50 000 Menschen werden nach den Plänen des Emirats auf dem gut sechs Quad ratkilometer großen Areal leben und ihren Energiebedarf ausschließlich aus regenerativen Quellen decken. Damit der Strom aus den Solarthermie- und Photovoltaik-Kraftwerken ausreicht, soll der Strombedarf auf ein Fünftel im Vergleich zur benachbarten Hauptstadt Abu Dhabi gesenkt werden. Der anfallende Müll wird sortiert oder kompostiert, Abwässer gereinigt oder für die Biogasgewinnung genutzt. Gebäude und Fußwege sollen auf Betonstelzen sieben Meter über dem Boden stehen: Das erhöht die kühlende Luftzirkulation und gibt auf der unteren Ebene genug Raum für die Elektroautos. "Das wird die Stadt der Zukunft", ist Khaled Awad, Baudirektor von Masdar City, überzeugt.

Nach Plänen des britischen Architekten Norman Foster könnte allein das Ziel, in einer Null-Emission-Stadt zu leben, ausreichen, dass sich die Bewohner mit ihrer Stadt identifizieren. Doch ob Masdar City tatsächlich zum Erfolg wird, bleibt fraglich. "Schon deutlich weniger komplexe Projekte sind in der Praxis gescheitert", sagt Stadtplaner Roberto Sanchez-Rodriguez von der University of California in Riverside. "Der ökologische Aspekt der Stadt ist nur eine Dimension. Für eine langfristige Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt ist es damit sicher nicht getan", meint Stadthistoriker Lampugnani skeptisch.

Auch in der Retortenstadt "King Abdullah Economic City", die seit 2005 an der saudi-arabischen Küste des Roten Meeres entsteht, fehlen die architektonisch herausstechenden Monumente. Mit Hafen, Finanzbezirk, Forschungszentren für Pharmaunternehmen und Pet rochemie legen die Saudis zwar die Grundlage für eine halbe Million neue Arbeitsplätze. Doch drängt sich mit dieser einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung einer Stadt der Vergleich mit Eisenhüttenstadt auf.

Chinas Planstädte

Die boomende Wirtschaft ist auch der Motor für insgesamt neun sogenannte "New Towns" im Ballungsraum Shanghai. Für eine davon – Lingang New City – zeichnet das Hamburger Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner verantwortlich. Seit 2003 entsteht 60 Kilometer von Shanghai entfernt eine Planstadt für bis zu 800 000 Menschen. Geplante Fertigstellung: 2020. Für diese neue Küstenstadt wurde das bis zu drei Meter tiefe Meer zugeschüttet. Die Stadt ist in konzentrischen Ringen angeordnet, in denen derzeit Stadtviertel aus dem Boden schießen. Auch in Lingang steht das Funktionelle mit Wohnungen, Einkaufspassagen, Büros und einem ausgeklügelten Ringbahn-Netz im Mittelpunkt. Dennoch verzichten Meinhard von Gerkan und Kollegen nicht auf einen städtebaulichen Höhepunkt.

"In Lingang New City ist der Mittelpunkt der Stadt ein kreisrunder See. Er prägt die Stadt und verleiht ihr Identität", sagt Bernd Pastuschka, Pressesprecher des Architekturbüros. In die Mitte dieses Sees mit 2,5 Kilometer Durchmesser sollte auf einer kleinen künstlichen Insel eine 300 Meter hohe Stahlnadel als Vision entstehen, aus deren Spitze Wasser sprüht. Eine Gestaltungssatzung begrenzt die Gebäudehöhen, sodass Selbstdarstellungsbedürfnisse von Investoren das Stadtbild nicht dominieren können. "So erhält die geplante Stadt die Chance, ihre Einheit in der Vielfalt zu erlangen", sagt Pastuschka.

Der Bilbao-Effekt

Nicht nur nagelneue Planstädte haben Chancen auf symbolträchtige Bauten. Jede Stadt, so unattraktiv sie heute auch sein mag, kann durch einzelne spektakuläre Gebäude mit herausragender Architektur gewinnen. "Das Guggenheim-Museum von Frank Gehry in Bilbao ist ein solches Gebäude mit stadtprägender Wirkung", sagt Lampugnani. Seit der Fertigstellung 1997 nahmen die Besucherzahlen der baskischen Stadt rapide zu. Leider bringen die lokalen Entscheider allzu selten so viel Mut auf wie die Stadtpolitiker Bilbaos.

"Im 19.Jahrhundert war man mutiger, es haben auch weniger Leute reingeredet", sagt Lampugnani. Als herausragende Beispiele nennt er den gelungenen Stadtumbau von Paris mit den breiten Boulevards, entworfen von Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann. Oder die 1882 in Barcelona von Antoni Gaudí begonnene Kathedrale "Sagrada Família", die noch immer auf ihre Fertigstellung wartet. Aber Lampugnani gibt die Hoffnung auf eine moderne, fantasievolle Stadtplanung nicht auf. "Man braucht ein radikales Konzept und muss es stringent, möglichst ohne Abstriche durchsetzen. Dabei darf man nicht immer nur das Allerbilligste auswählen." Wer weiß, vielleicht finden sich dann auch mutige Planer und willige Geldgeber für ein spektakuläres Bauwerk in Eisenhüttenstadt.



 

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