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Gefrostetes Saatgut

Samenbank soll Menschheit nach globaler Katastrophe ernähren

Eingang zum Samentresor
Eingang zum Samentresor
© Mari Tefre/Global Crop Diversity Trust
Von Jan Oliver Löfken

Oslo (Norwegen) - Weizen und Mais, Soja und Hirse, Möhren und Kartoffeln: Mit Hunderttausenden von Arten füllen Feldfrüchte die Speisekammern der Menschheit. Diese enorme genetische Vielfalt bekommt nun einen Schutzbunker der besonderen Art. In arktischer Kälte wird am Dienstag auf Spitzbergen, nur 800 Kilometer südlich vom Nordpol, das tiefgekühlte Samenlager "Svalbard Global Seed Vault" seinen Betrieb aufnehmen.

Das sei wie eine Neuauflage der Arche Noah, sagt der norwegische Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen. Denn der Vorrat von bis zu 4,5 Millionen Samenkörnern soll einen Neubeginn des Ackerbaus nach einer globalen Katastrophe sicherstellen. Selbst wenn nach einem Asteroideneinschlag oder einem Atomkrieg die Kornkammern Amerikas und die Reisfelder Asiens verwüsteten Steppen gleichen, bietet die Samenbank ausreichend Saatgut, um erneut Feldfrüchte anzubauen und den Hunger der Überlebenden zu stillen.

Der Ort für diesen auf minus 18 Grad gekühlten und trockenen Tresor ist gut gewählt. Auf der norwegischen Insel steigt das Quecksilber selten über null Grad. So drohen die Samen selbst bei einem längeren Ausfall des eigenen Kraftwerks nicht zu verschimmeln. Zeiträume von bis zu 1000 Jahren können sie unbeschadet und keimfähig überstehen. Zusätzliche Kühlung bringt das dauernd gefrorene Permafrostgestein, in das mit Bohrern und Sprengstoff ein etwa 120 Meter langer Tunnel getrieben wurde. An seinem Ende befinden sich die drei Saatgut-Kammern, jede mit 20 Quadratmetern Fläche und sechs Meter hoch. Kameraüberwachung und eine luftdichte Stahlschleuse schützen den nahrhaften Schatz vor unbefugtem Zugriff. Mit seiner Lage 130 Meter über dem Meeresspiegel bleibt der Samenbunker auch bei einer zunehmenden, globalen Erwärmung vor Überflutungen geschützt.

Die ersten Lieferungen aus Saatgut-Sammlungen in aller Welt haben ihr frostiges Ziel bereits erreicht. Von den Philippinen kommen allein 70.000 verschiedene Reisarten, Mexiko liefert 47.000 Weizen- und 10.000 Maissorten. Dazu kommen Tausende von Kartoffelproben aus Peru, Bohnen aus Kanada und Gerstenkörner aus dem Mittleren Osten. Das deutsche Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Gatersleben hat 2589 Samenmuster für Getreide, Bohnen und Kichererbsen in den hohen Norden geschickt.

"Es ist völlig richtig, dieses Lager aufzubauen", sagt Lothar Frese, Experte für Kulturpflanzen am Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg. Nicht nur für die Apokalypse sei diese Sammlung wichtig. "Viele Nationalstaaten finanzieren die Genbankarbeit unzureichend", weiß Frese. Schlechte Lagerbedingungen und mangelndes Fachwissen bedrohen in Asien und Afrika die Artenvielfalt von Feldfrüchten. Vergammeln dort die letzten Proben von derzeit ungenutzten Arten, sind sie unwiederbringlich für Züchter verloren. Auch dieses Risiko lässt sich mit dem gut 6 Mio. Euro teuren Samenlager minimieren.

Wegen des globalen Interesses teilen sich der Staat Norwegen und die Vereinten Nationen die Betriebskosten. Regelmäßig wird der Zustand des Saatguts überprüft und um weitere Lieferungen, später wahrscheinlich auch mit Samen genveränderter Pflanzen, ergänzt. Auf Obst und Schokolade müsste die Endzeit-Menschheit allerdings verzichten. Denn Apfel- oder Kakaosamen lassen sich im Tiefkühltresor auf Spitzbergen nicht langfristig konservieren.



 

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