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Vom Untergang des Lesens keine Spur

Auch in einer Zeit, in der Technik immer wichtiger wird, erfreuen sich Bücher großer Beliebtheit

Bücher sind nach wie vor beliebt bei Alt und Jung
Bücher sind nach wie vor beliebt bei Alt und Jung
© C. Dick-Pfaff

Von Cornelia Dick-Pfaff



Ein schönes Buch hat etwas Sinnliches, ja, beinahe schon etwas Magisches. Es sieht nicht nur schön aus, sondern fasst sich auch angenehm an, liegt gut in der Hand und verströmt einen ganz typischen Geruch. Doch im Zeitalter von CDs und Computern, von Film, Fernsehen und Internet fragt man sich unweigerlich: Wer liest überhaupt noch in dieser Welt, die stark von Schnelllebigkeit und Zeitdruck geprägt ist? Haben Bücher nicht eigentlich längst ausgedient? Oder können sie doch ein Mittel zur Entspannung sein, das heute mehr genutzt wird denn je?


"Das Buch ist ade – das stimmt einfach nicht", erklärt Regine Wolf-Hauschild, Direktorin der Stadtbücherei Heidelberg. "Die Nachfrage nach Belletristik steigt. Das ist wieder im Kommen und man liest auch wieder Gedichte." Besonders gefragt sind Regionalkrimis und Krimis allgemein sowie Bestseller. Fantasyliteratur à la Harry Potter oder Tintenherz erfreut sich ebenfalls großer Beliebtheit bei den Nutzern. Vorlieben aufgrund des Alters lassen sich dabei kaum nachvollziehen: Ältere wollen mit den aktuellen Bestsellern am Puls der Zeit bleiben so wie Jüngere immer mal wieder einen Klassiker lesen. Auch Hörbücher werden gerne und viel angenommen: "Wir haben immer zu wenig", so die Direktorin. "Viele leihen sie sich für längere Autofahrten aus oder lassen sich beim Bügeln und Abwaschen vorlesen."


Die aktuelle Studie zur Massenkommunikation, die alle fünf Jahre im Auftrag von ARD und ZDF durchgeführt wird, bestätigt die Erfahrungswerte aus der Praxis der Stadtbücherei Heidelberg: Lesen erfreut sich zunehmender Beliebtheit und wird zudem auch in der von modernen Medien geprägten Welt durchaus noch als Freizeitaktivität mit hoher Erlebnisqualität empfunden. In Sachen Emotionalität steht das Buch dem Fernsehen beispielsweise in nichts nach. Insgesamt haben die Menschen mehr Zeit für Freizeitaktivitäten. Diese ist in den vergangenen Jahren auf etwa sechs Stunden täglich gestiegen, von denen im Schnitt 65 Minuten dem Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und auch Büchern gewidmet werden. Damit hat der Zeitaufwand fürs Lesen seit der vorherigen Studie um zwölf Prozent zugenommen.


Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, gern oder besonders gern die Tageszeitung zu lesen. Bei Zeitschriften waren es noch knapp 65 Prozent und bei Büchern gut 55 Prozent. Vor allem Spaß, Spannung, Entspannung und Ausgleich und Abwechslung vom Arbeitsalltag werden beim Lesen gesucht. Und an dieser Stelle ist das Buch dem Fernseher durchaus voraus; denn Lesen wird vielfältiger erlebt und erreicht dadurch eine stärkere Erlebnistiefe, ergab die Umfrage. Darüber hinaus wird nach wie vor gerne zur Orientierung und Information gelesen und soziales Erleben spielt ebenfalls häufig eine Rolle.


Auch wenn das Buch noch lange nicht ausgedient hat, steht doch eines fest: Die Art und Weise, wie die Bücherei genutzt wird, hat sich verschoben – nicht zuletzt auch durch das Internet. Bei Fachliteratur und Sachbüchern geht die Ausleihe eher zurück. Wer Fachinformationen sucht, der setzt heutzutage mehr aufs World Wide Web und googelt erstmal was das Zeug hält. Auf Sachbücher wird eher selten zurückgegriffen. Ebenso stehen den Stadtbüchereinutzern mit dem Medium Internet völlig andere Möglichkeiten zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. So können sie zum Beispiel ausgeliehene Bücher über die Homepage der Bücherei verlängern. Dementsprechend sind die physischen Besucherzahlen etwas zurückgegangen, und die virtuellen Besucher werden bislang nicht mitgezählt. Dennoch: Wer erst einmal da ist, der bleibt heutzutage länger. "Wir haben eine intensivere und alltäglichere Nutzung als früher", erklärt Wolf-Hauschild. "Viele wollen sich umfassender informieren und nehmen sich dann auch die Zeit dafür. Und die Abbrüche werden geringer. Die Leute bleiben uns treu."


Bis vor einem Jahr sind die Zahlen der Nutzer der Heidelberger Stadtbücherei stetig gestiegen. Die geringen Verluste aus dem vergangenen Jahr schreibt die Direktorin dem Trubel um die WM und der großen Hitze zu. Dennoch kann und will man sich nicht in Sicherheit wiegen. Die Ansprüche der Nutzer haben sich geändert und darauf wird auch reagiert. "Wir werden Angebot und Outfit neu frisieren müssen und dem anpassen", sagt Wolf-Hauschild. "Ein Buch ist etwas Kostbares, etwas Haptisches, schön Gestaltetes und das wird wieder geschätzt. Wir schaffen Atmosphäre." So bietet das büchereieigene Cafe bereits einen Mittagstisch an, um einen Anreiz für einen kurzen Besuch in der Mittagspause zu schaffen. Darüber hinaus wird zum Beispiel daran gedacht, WLAN zur Verfügung zu stellen, damit der eigene Laptop mitgebracht und auch in vollem Umfang genutzt werden kann.


Selbst in der stark von Technik geprägten Welt hat das gute alte Buch also nach wie vor seinen Platz. Neben Zeitung und Zeitschrift dient es tatsächlich der Entspannung, dem Eintauchen in andere Welten und vom Untergang des Lesens kann wahrhaft nicht die Rede sein.


zuerst erschienen in explore:
Das Kundenmagazin der TÜV NORD Gruppe



 

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