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Die Last mit dem Ballast

An Bord von Ozeanriesen schippern Tag für Tag unzählige Lebewesen um den Erdball

Ballastwasser hilft, eine stabile Lage im Wasser zu<br>erreichen, wenn ein Schiff leer oder ungleichmäßig<br>beladen ist
Ballastwasser hilft, eine stabile Lage im Wasser zu
erreichen, wenn ein Schiff leer oder ungleichmäßig
beladen ist
© Danny Cornelissen

Von Cornelia Dick-Pfaff


Blinde Passagiere sind auf Schiffen eigentlich alles andere als gern gesehen. Doch die Giganten der Meere holen sich tagtäglich Milliarden von ihnen an Bord - und das sogar mehr oder weniger freiwillig: Im Ballastwasser reist eine Vielzahl der unterschiedlichsten Organismen mit um die Welt. Das allein wäre nicht großartig bedenklich. Aber im Zielhafen wird das Wasser meist wieder abgelassen und mit ihm die blinden Passagiere, die unter Umständen in der neuen Heimat enormen ökologischen oder auch wirtschaftlichen Schaden anrichten können.


Ballastwasser ist aus der modernen Schifffahrt nicht mehr wegzudenken. Es dient zur Stabilisierung der Schiffe, wenn sie leer oder ungleichmäßig beladen sind, und sorgt für eine sichere Lage im Wasser. Früher nutzten die Seeleute massiven Ballast wie etwa Sand oder Steine als Ausgleich. Seit etwa 150 Jahren aber hat zunehmend Wasser diese Rolle übernommen. Es ist weitaus leichter zu handhaben. An Rumpf und Seiten moderner Frachter sind große Tanks in die Schiffswand eingebaut, die je nach Bedarf für den optimalen Gewichtsausgleich mit Wasser befüllt oder entleert werden können – und Wasser ist in jedem Hafen in rauen Mengen vorhanden und kann einfach an oder von Bord gepumpt werden. Das System ist zudem hochgradig flexibel: Wenn etwa in einem Hafen nur ein Teil der Ladung gelöscht wird oder eine verrutschte Ladung das Gleichgewicht stört, kann das relativ leicht ausgeglichen werden.


Gerade das Wasser küstennaher Gewässer ist aber reich belebt. So gelangen mit dem Ballastwasser Unmengen an Organismen, ja sogar ganze Organismengesellschaften an Bord und gehen mit auf die Reise um den Erdball. Und die dauert heutzutage auch gar nicht mehr so lange. Die Ozeanriesen kommen derart schnell voran, dass viele der unfreiwilligen Mitreisenden die stressreiche Fahrt sogar überleben. Wird das Ballastwasser in einem fernen Hafen dann wieder abgelassen, werden diejenigen blinden Passagiere, welche die Strapazen in den dunklen Tanks überstanden haben, in einem fremden Ökosystem ausgesetzt - und können dort unter Umständen erheblichen Schaden anrichten. Auch auf der Außenhaut der Ozeanriesen finden sich blinde Passagiere, doch ist die Fahrt dort weitaus stressreicher. So sind die Mitreisenden dort den vollen Wetterbedingungen ausgesetzt und der Salzgehalt des Wassers ändert sich während der langen Reise, was für viele schon das Aus bedeutet - sie überstehen diesen Stress nicht.


"Potenziell können alle Arten von Organismen gefährlich werden", erklärt Ralf-Norbert Hülsmann von der Freien Universität Berlin, der sich seit Jahren mit der Problematik von Ballastwasser beschäftigt. "Das hängt von den Bedingungen in den Zielgebieten ab." Grundsätzlich sind vor allem Generalisten als kritisch einzustufen; denn sie sind häufig außerordentlich anpassungsfähig und nicht sonderlich wählerisch, was ihren Speiseplan angeht. Hat der unfreiwillige Einwanderer in der neuen Heimat dann auch noch keine natürlichen Feinde, kann er sich mehr oder weniger unkontrolliert vermehren und eine ökologische Katastrophe verursachen.


So in etwa geschehen bei der Zebramuschel Dreissena polymorpha. Die Süßwassermuschel ist ursprünglich beheimatet im Kaspischen Meer. Auch in hiesige Gewässer ist die bis zu vier Zentimeter lange und zwei Zentimeter breite Muschel schon vorgedrungen. "Hier bei uns bereitet sie kaum Probleme", sagt Hülsmann. In Nordamerika sieht das dagegen völlig anders aus. Dort gehört sie zu den gefährlichsten Invasoren überhaupt und richtet jährlich enormen Schaden an. Die Muschel überrannte förmlich nahezu sämtliche Konkurrenten und trat ihren Siegeszug durch die nordamerikanischen Seen an. "Sie wandert in Kühlsysteme und in die Wasserversorgung ein", schildert der Biologe die Problematik. "Die Muscheln siedeln aufeinander und bilden dadurch ganze Cluster, welche die Systeme verstopfen." Dass die Zebramuschel tatsächlich mit Ballastwasser in die nordamerikanischen Seen gelangte, muss zwar noch nachgewiesen werden, es ist aber überaus wahrscheinlich. "Aus eigener Kraft kann sie diese Reise unmöglich bewerkstelligt haben", erläutert Hülsmann.


Die Zebramuschel ist kein Einzelfall. So gelangte umgekehrt die Meerwalnuss Mnemiopsis leidyi von den nordamerikanischen Küstengebieten ins Kaspische Meer – vermutlich in Ballastwassertanks. Diese Rippenqualle vermehrte sich außerordentlich gut unter den neuen Lebensbedingungen und brachte das dortige ökologische Gleichgewicht völlig durcheinander. Oder der aus asiatischen Gewässern stammende Nordpazifische Seestern Asterias amurensis, der in Australien und auch in Nordamerika ganze Muschelpopulationen bedroht – nachdem er aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Ballastwasser vor Ort gelangte.


Sehr bedenklich einzustufen sind allerdings auch auf den ersten Blick weitaus unscheinbarere Lebewesen: Einzeller, die mit dem bloßen Auge kaum wahrzunehmen sind. Zum einen dienen sie größeren Mitreisenden als Nahrung und halten sie während der Reise am Leben. Zum anderen können sie auch selbst zur Gefahr werden. So produzieren etwa einige Dinoflagellaten und Diatomeen Goftstoffe, welche von Muscheln aufgenommen werden, die wiederum vom Menschen verzehrt werden und auf diesem Weg ernsthafte Vergiftungserscheinungen hervorrufen können.


Um die Gefahr einzudämmen, die potenziell von mit dem Ballastwasser verschleppten Lebewesen ausgeht, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Auch von der IMO, der International Maritim Organization, werden einige vorgeschlagen, manche sogar vorgeschrieben. "Recht sicher ist schlicht Prophylaxe", sagt Hülsmann. Dazu gehört etwa, das Ballastwasser nicht in der Nacht aufzunehmen, weil viele Organismen dann besonders aktiv sind, und nicht bei so genannten Roten Tiden, in denen toxische Einzeller in Massen auftreten. Dagegen wird die Wasseraufnahme bei Flut empfohlen, weil dann der Abstand zum Boden wächst und damit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass am Meeresgrund lebende Organismen mit aufgenommen werden. "Eine weitere Methode ist das Auswechseln des Ballastwassers auf hoher See", so der Biologe. Dies stelle aber wiederum eine starke Belastung für den Schiffsrumpf dar.


Darüber hinaus wird an so genannten Hydrozyklonmechanismen geforscht, in denen das eingesogene Wasser in Rotation versetzt wird, so dass sämtliche Teilchen an den Rand geschleudert werden und in der Mitte ein sauberer Wasserstrahl entsteht. "Parallel laufen überall auf der Welt Versuche, die Organismen gezielt abzutöten: Man arbeitet auch mit UV-Licht, Ultraschall und Ozonisierung des Wassers und erzielt damit bereits recht zufrieden stellende Ergebnisse. Gelänge es nun auch noch, die Fördermengen dieser Aufbereitungssysteme entsprechend zu erhöhen, würde das in Zukunft das Ende für die blinden Passagiere bedeuten.


zuerst erschienen in explore:
Das Kundenmagazin der TÜV NORD Gruppe



 

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