Wanderspinnen: Tauchgang rettet die Brut

Weibchen der in Mexiko heimischen Art Cupiennius salei nutzen die Wasseransammlungen in Rosetten von Bromelien, um bei Gefahr ihre Eier in Sicherheit zu bringen
Die Große Wanderspinne Cupiennius salei wird wegen der dunklen Streifen auf Beinen und Körper auch
Die Große Wanderspinne Cupiennius salei wird wegen der dunklen Streifen auf Beinen und Körper auch "Wandernde Tigerspinne" genannt.
© Stuart J. Longhorn / Creative Commons (CC BY-SA 4.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en
Chetumal (Mexiko) - Die Weibchen einer mittelamerikanischen Spinnenart tragen ihre Eier, eingebettet in einem großen Kokon, immer mit sich. Dadurch können sie besonders leicht von Vögeln erkannt und gefressen werden. Diese Wanderspinnen leben meist auf Bäumen, auf denen auch Bromelien wachsen. Mexikanische und französische Biologen haben jetzt bei den Tieren ein ungewöhnliches Fluchtverhalten beobachtet: Bei akuter Gefahr springt das Weibchen mitsamt seinem Eierkokon in das Wasser, das sich in den Blatttrichtern der Bromelien angesammelt hat, und taucht mindestens eine halbe Stunde nicht mehr auf. Dagegen reagieren Männchen und weibliche Spinnen ohne Eier, indem sie sich zwischen Blättern verstecken oder die Pflanze verlassen. Die Flucht ins Wasser dient offenbar der biologischen Fitness, da sich dadurch die Überlebenschancen des Nachwuchses verbessern, erklären die Forscher im Fachblatt „Comptes Rendus Biologies“.

„Die Beziehung zwischen der Großen Wanderspinne Cupiennius salei und Bromelien mit Wasserreservoir ist viel komplexer als bisher gedacht“, schreiben Yann Hénaut vom Colegio de la frontera sur in Chetumal und seine Kollegen. Die Blatttrichter der untersuchten Bromelienart fassen 110 bis 250 Milliliter Wasser. Sie bilden einerseits Lebensräume von Insektenlarven, die den Spinnen als Beute dienen. Andererseits werden sie von Weibchen mit Eierkokons auch als Versteck genutzt, wie die neuen Untersuchungen gezeigt haben. Die weiblichen Spinnen bilden über dem Wasserspiegel ein Gespinst und halten sich meist ganz in der Nähe auf. Die Wanderspinne, auch „Wandernde Tigerspinne“ genannt, erreicht eine Beinspannweite von zehn Zentimetern. Sie lauert nachts Insekten auf, die sie mit einem Nervengift lähmt.

Die Biologen beobachteten das Fluchtverhalten von Spinnen auf der Bromelie Aechmea bracteata. Dazu verursachten sie mit einem Holzstab leichte Erschütterungen der Pflanze. Spinnen ohne Eierkokon versteckten sich daraufhin hinter einem Pflanzenteil. Hielt die Störung weiter an, verließen sie die Pflanze und suchten ein weiter entferntes Versteck. Weibchen mit einem – normalerweise am Rücken platzierten – Eierkokon reagierten völlig anders. Zunächst gingen sie in Drohstellung, indem sie die beiden vorderen Beine erhoben und die Kieferklauen öffneten, mit denen das Gift verabreicht wird. Bei weiter andauernder Gefahr, ergriffen sie den Eierkokon mit ihren Vorderbeinen, positionierten ihn vor ihren Kopf und stürzten sich ins Wasser. Dort blieben sie erstaunliche 30 bis 90 Minuten lang, ohne zum Atmen an die Oberfläche zu kommen. Zwei dieser Weibchen mit Kokon brachten die Biologen nach dem Wiederauftauchen ins Labor, um zu kontrollieren, ob die Eier den langen Tauchgang überlebt hatten. Tatsächlich schlüpften die Jungtiere nach vier bis fünf Tagen, wonach sie noch längere Zeit von den Weibchen bewacht wurden.

Die Forscher vermuten, dass im Kokon so große Mengen an Luft gespeichert sind, dass die Eier und die Weibchen lange Zeit unter Wasser überleben können. Genauer untersucht wurde dieses Prinzip bereits bei der im Wasser lebenden Wasserspinne Argyroneta aquatica, die ein Gespinst aus Spinnenseide als Taucherglocke nutzt. Bei baum- und bodenbewohnenden Spinnen war ein solches Verhalten bisher nicht bekannt.

© Wissenschaft aktuell


 

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