Sozialer Stress schwächt Empathie

Ein Medikament, das Stressreaktionen blockiert, verstärkt das Mitgefühl gegenüber Fremden, die Schmerz empfinden
In Gegenwart eines Fremden steigt der Stresspegel und schwächt die Empathie – bei Menschen wie Mäusen.
In Gegenwart eines Fremden steigt der Stresspegel und schwächt die Empathie – bei Menschen wie Mäusen.
© Loren Martin and Mona Lisa Chanda
Montreal (Kanada) - Das empathische Mitempfinden von Schmerzen eines anderen ist gegenüber Freunden und Verwandten stärker ausgeprägt als gegenüber Fremden. Das gilt sowohl für Menschen als auch für Mäuse. Amerikanische Psychologen konnten jetzt zeigen, dass der Spiegel an Stresshormonen diese sogenannte Gefühlsansteckung entscheidend beeinflusst. Demnach ist die Empathie gegenüber einem Fremden deshalb geringer, weil sich durch dessen Gegenwart die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol erhöht, berichten die Forscher im Fachblatt „Current Biology”. Sie konnten bei Mäusen und Menschen das Mitgefühl für einen schmerzempfindenden fremden Artgenossen durch ein Medikament vergrößern, das die Wirkung von Stresshormonen blockiert. Bei den menschlichen Probanden hatte ein gemeinsames Videospiel, das sozialen Stress abbaute, dieselbe Wirkung.

„Wir haben herausgefunden, warum Empathie zwischen Fremden so selten ist“, sagt Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal. „Der Grund ist – ganz einfach – Stress, insbesondere sozialer Stress in unmittelbarer Nähe eines Fremden.“ Aus früheren Untersuchungen war bekannt, dass die körperliche Nähe eines fremden Artgenossen den Spiegel an Stresshormonen steigen lässt. Daher untersuchten Mogil und seine Kollegen einen möglichen Zusammenhang zwischen Stress und Empathie. In ihren Tierversuchen registrierten sie die Reaktion von Mäusen auf Schmerzen, die einer anderen Maus durch Injektion verdünnter Essigsäure zugefügt wurden. War das beobachtende Tier zuvor mit dem Stresshormon-Blocker Metyrapon behandelt worden, zeigte es eine verstärkte Empathie gegenüber Artgenossen aus einem anderen Käfig. Umgekehrt verringerte sich das natürliche Mitfühlen mit Mäusen aus dem eigenen Käfig, wenn die Maus zuvor einer Stresssituation ausgesetzt war. Offenbar unterdrücken durch Stress ausgelöste biochemische Reaktionen die normale Gefühlsansteckung.

In überraschendem Maße ähnliche Ergebnisse lieferten entsprechende Tests mit jeweils zwei männlichen oder zwei weiblichen Studenten, die entweder befreundet waren oder sich gar nicht kannten. Die eine Person erlitt Schmerzen, da sie ihre Hand in vier Grad kaltes Wasser legen musste. Die andere Person beurteilte das Ausmaß der Schmerzen anhand einer Punkteskala. Zusätzlich zeichnete eine Videokamera Mimik und Gestik der Probanden auf. In Speichelproben wurde der Gehalt an Cortisol ermittelt. Die Studenten stuften den Schmerz einer fremden Person deutlich höher ein, wenn sie eine Stunde zuvor Metyrapon eingenommen hatten, was den Cortisolspiegel senkte. Zudem waren dann auch ihre mimischen und gestischen Reaktionen, die Mitgefühl zum Ausdruck brachten, stärker ausgeprägt. Schließlich zeigten die Forscher, dass sich die empathiesteigernde Wirkung des Medikaments durch das musikalische Videospiel „Rock Band“ ersetzen ließ. Zwischen zwei einander fremden Menschen, die ihren Stresspegel durch gemeinsames virtuelles Musizieren abbauen konnten, entwickelten sich im anschließenden Schmerztest ähnlich hohe Empathiewerte wie nach Einnahme des Stresshormon-Blockers.

© Wissenschaft aktuell


 

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