Wenn Vogeleltern füttern: Wer bekommt mehr?

Vom Nahrungsangebot im Brutgebiet hängt es ab, ob die bedürftigsten oder die kräftigsten Küken im Nest bevorzugt versorgt werden
Nicht immer wird der, der den Schnabel am weitesten aufreißt, auch am besten gefüttert.
Nicht immer wird der, der den Schnabel am weitesten aufreißt, auch am besten gefüttert.
© Camilla Hinde
Oxford (Großbritannien) - Manche Vogeleltern bevorzugen beim Füttern die schwächsten Küken, die auch am stärksten betteln. Andere dagegen füttern bevorzugt die Kräftigsten, auch wenn diese nur wenig betteln. Auf welche Signale die Eltern in welcher Form reagieren, hängt offenbar vom Nahrungsangebot des jeweiligen Brutgebiets ab, haben jetzt britische Forscher herausgefunden. Bietet die Umgebung zuverlässig verfügbare Nahrungsquellen in hoher Qualität, machen sich die bedürftigsten Küken am stärksten bemerkbar und erhalten eine Extraportion. Auf diese Weise kann die gesamte Brut überleben. Bei schlechten und langfristig unsicheren Bedingungen ignorieren die Eltern die Bettelsignale und konzentrieren sich auf die Versorgung der größten Küken. Damit nehmen sie in Kauf, dass ein Teil der Brut stirbt, vermeiden aber den vollständigen Verlust des Nachwuchses, erklären die Biologen im Fachblatt „Nature Communications”.

„Wir haben gezeigt, wie sich durch Variationen in der Qualität der Umwelt Unterschiede in der Kommunikation zwischen den Jungen und ihren Eltern erklären lassen“, schreiben die Forscher um Stuart West von der University of Oxford. Die Nestlinge, die am lautesten betteln und ihren Schnabel am weitesten aufreißen, wenn die Eltern im Nest erscheinen, müssen nicht immer auch die hungrigsten sein. Es wäre auch möglich, dass auf diese Weise gerade die Kräftigsten ihre gute Kondition kundtun. Sie hätten die Energie, ausdauernder als die anderen auf sich aufmerksam zu machen. Das meist als Betteln interpretierte Verhalten könnte also auch ein Qualitätssignal sein. Warum die Küken in manchen Fällen Bedürftigkeit und in anderen große Fitness signalisieren und wieso die Eltern darauf so unterschiedlich reagieren, blieb bisher ungeklärt.

Die Biologen untersuchten, wie Vogeleltern und Küken miteinander kommunizieren. Dazu werteten sie 306 Veröffentlichungen aus, in denen über das Brutpflegeverhalten von 143 Vogelarten berichtet wird. Sie berücksichtigten auch Angaben über die Stabilität der Nahrungsversorgung und die Qualität der in der Umgebung verfügbaren Nahrung. Nur dadurch ließen sich die bisher unverständlichen Unterschiede beim Füttern der Jungen erklären. In einer Umwelt mit sicherem und qualitativ gutem Nahrungsangebot bettelten noch hungrige Küken am stärksten – und wurden öfter als die Geschwister gefüttert. In dieser Situation signalisieren die Küken also Bedürftigkeit, die gelindert wird. In weniger günstigen Brutgebieten reagierten die Eltern schwächer auf die typischen Bettelsignale. Stattdessen achteten sie beim Füttern auf körperliche Qualitätsmerkmale wie Größe oder Färbung und bevorzugten diejenigen mit der größten Fitness und den besten Überlebenschancen. In dieser Lage ist es für den Erhalt der Population vorteilhafter, wenn die Küken statt Bedürftigkeit ihre körperliche Fitness zum Ausdruck bringen. Die erst jetzt erkannte Abhängigkeit des Brutpflegeverhaltens von den Umweltbedingungen, so die Forscher, sei der Grund dafür, warum Hunderte von Studien über das Betteln um Futter und die Reaktion der Eltern bisher zu keinem allgemeingültigen Ergebnis geführt haben.

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