Colitis ulcerosa: Verlust schützender Darmbakterien könnte Krankheitsursache sein

Im gesunden Dickdarm werden Gallensäuren von Mikroben aus der Familie der Ruminokokken chemisch so verändert, dass sie Entzündungen der Darmschleimhaut verhindern
Längsschnitt durch die Dickdarmwand bei Colitis ulcerosa (entzündete Schleimhaut rot gefärbt)
Längsschnitt durch die Dickdarmwand bei Colitis ulcerosa (entzündete Schleimhaut rot gefärbt)
© Ed Uthman, MD., http://web2.airmail.net/uthman/specimens/index.html / gemeinfrei
Stanford (USA) - Gallensäuren könnten beim Schutz vor entzündlichen Darmerkrankungen und für die Therapie eine entscheidende Rolle spielen. Cholsäure und andere primäre Gallensäuren werden in der Leber gebildet, in der Gallenblase gespeichert und in den Darm abgegeben, um die Verdauung von Fetten zu unterstützen. Normalerweise verwerten bestimmte Bakterien des Dickdarms diese Verbindungen, wobei sekundäre Gallensäuren entstehen. Amerikanische Mediziner haben jetzt in vergleichenden Untersuchungen an Patienten und in Tierexperimenten Hinweise darauf gefunden, dass ein Mangel an sekundären Gallensäuren im Dickdarm chronische Darmentzündungen auslösen könnte. Ursache für die Erkrankung wäre demnach eine zu geringe Zahl an Bakterien, die für eine ausreichende Produktion entzündungshemmender sekundärer Gallensäuren sorgen, berichten die Forscher im Fachblatt „Cell Host & Microbe“. In Versuchen mit Mäusen ist es ihnen gelungen, Darmentzündungen durch eine Behandlung mit solchen Gallensäuren zu verringern. Eine Studie mit Patienten, die unter Colitis ulcerosa leiden, hat bereits begonnen.

„Unsere Ergebnisse könnten dazu führen, diese Krankheit mit einem Stoffwechselprodukt zu behandeln, das in großen Mengen im gesunden Darm vorhanden ist“, sagt Aida Habtezion von der Stanford University. An ihrer Studie beteiligten sich 17 Colitis ulcerosa-Patienten, die durch eine Proktokolektomie, einer vollständigen Entfernung von Dickdarm und Mastdarm, behandelt worden waren. Ein aus Teilen des Dünndarms gebildetes beutelförmiges Reservoir, ein so genannter Pouch, übernimmt dann die Funktion des Mastdarms. Doch bei etwa der Hälfte der so Behandelten kommt es dort mit der Zeit zu einer erneuten Entzündung, einer Pouchitis. Die gleiche chirurgische Behandlung erhalten auch Patienten, die unter einer nicht entzündlichen Darmerkrankung, einer familiären adenomatösen Polypose leiden, doch ohne dass sich eine Pouchitis entwickelt. Sieben solcher Patienten dienten den Forschern als Vergleichsgruppe.

Chemische Analysen von Stuhlproben beider Gruppen von Probanden ergaben bei den Colitis ulcerosa-Patienten einen starken Mangel an den beiden sekundären Gallensäuren Desoxycholsäure und Lithocholsäure, die entzündungshemmend wirken. Außerdem war bei ihnen die Zahl an Bakterien aus der Familie der Ruminokokken im Vergleich zur Kontrollgruppe stark vermindert. Einige Arten der Ruminokokken zählen zu den wenigen Bakterienarten der normalen Darmflora, die primäre in sekundäre Gallensäuren umwandeln. Offenbar sind diese Darmkeime, beziehungsweise deren Stoffwechselprodukte, notwendig, um Darmentzündungen zu verhindern.

Schließlich behandelten die Mediziner Mäuse mit experimentell erzeugten, chronischen oder akuten Darmentzündungen, indem sie den Tieren Desoxycholsäure und Lithocholsäure verabreichten. Das dämpfte die Entzündungsreaktionen und linderte verschiedene Krankheitssymptome. Die Forscher vermuten, dass eine solche Therapie nicht nur bei Colitis ulcerosa, sondern auch bei Morbus Crohn und anderen entzündlichen Darmerkrankungen wirksam sein könnte. In einer noch nicht abgeschlossenen Studie prüfen sie nun, ob die Behandlung mit einem zugelassenen Gallensäurepräparat bei Colitis ulcerosa-Patienten erfolgreich ist. Andererseits könnten Entzündungen der Darmschleimhaut vielleicht dadurch behandelt und dauerhaft verhindert werden, indem man die gestörte Darmflora durch Besiedlung mit den fehlenden Ruminokokkenarten wieder normalisiert.

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