Bakterien beschleunigen Entwicklung von Leukämie

Eine Infektion durch Darmkeime führt zur Freisetzung von Botenstoffen, die eine unkontrollierte Vermehrung von blutbildenden Stammzellen im Knochenmark verstärken
Blutbild bei chronisch myeloischer Leukämie (CML) mit erhöhter Zahl weißer Blutkörperchen
Blutbild bei chronisch myeloischer Leukämie (CML) mit erhöhter Zahl weißer Blutkörperchen
© CDC/ Stacy Howard , public domain
Chicago (USA) - Spezielle Mutationen in Stammzellen des Knochenmarks erhöhen das Risiko, an Leukämie zu erkranken. Einen zusätzlichen Faktor, der den Ausbruch der Krankheit begünstigt, haben amerikanische Mediziner jetzt durch Experimente mit Mäusen entdeckt: Wenn Darmbakterien die Darmwand durchbrechen und sich mit dem Blutstrom ausbreiten, lösen sie Alarmsignale in Form von Botenstoffen aus, die eine unkontrollierte Vermehrung der blutbildenden Stammzellen verstärken. Eine antibiotische Behandlung stoppte diesen Prozess, berichten die Forscher im Fachjournal „Nature“. Sofern sich die Ergebnisse in klinischen Studien bestätigen, eröffnen sich damit neue Möglichkeiten einer frühzeitigen Therapie gefährdeter Menschen.

„Bereits Jahre bevor sich der Blutkrebs entwickelt, laufen im Hintergrund Veränderungen ab. Der Patient erscheint gesund, bis ein kritischer Punkt erreicht ist“, sagt Bana Jabri von der University of Chicago. „Jetzt wissen wir, dass durch Bakterien ausgelöste Signale eine Hauptursache für das Fortschreiten der Krankheit ist.“ Insbesondere bei älteren Menschen erhöhen zufällige Mutationen im sogenannten Tet2-Gen von Knochenmarksstammzellen das Leukämierisiko. Die mutierten Stammzellen vermehren sich schneller als normal und steigern die Produktion von Vorläuferzellen, die zu weißen Blutkörperchen werden können. Aus diesem Vorstadium der Krankheit entwickelt sich aber nur dann eine Leukämie, wenn weitere Einflussfaktoren einwirken.

Ein solcher Faktor sind Bakterien, die aus dem Darm in Blut, Lymphknoten und Milz gelangt sind, wie die Forscher durch ihre Tierexperimente zeigen konnten. Nur bei den tatsächlich an einer Leukämie erkrankten Mäusen fanden sie verschiedene Arten von Milchsäurebakterien aus dem Darm in anderen Teilen des Körpers. Als Abwehrreaktion auf diese Infektion produzierten die Immunzellen der Tiere vermehrt den entzündungsfördernden Botenstoff Interleukin-6. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Tet2-Mutation in den Knochenmarksstammzellen auf noch unbekannte Weise die Darmwand schädigt und sie durchlässig für Darmbakterien macht. Sowohl durch Antibiotika als auch durch Hemmstoffe des Interleukin-6 ließ sich das Fortschreiten der Krankheit bei den Mäusen verhindern. Keimfrei aufgezogene Tiere mit Tet2-Mutationen entwickelten keine Leukämiesymptome.

DNA-Analysen können ein erhöhtes Leukämierisiko aufgrund von Tet2-Mutationen bereits 10 bis 15 Jahre vor Ausbruch der Krankheit aufdecken. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen könnten dann erste Anzeichen einer Infektion durch Darmbakterien nachweisen und vorbeugende Therapien ermöglichen. Als Nächstes wollen die Forscher nun prüfen, ob es auch bei Menschen im Vorstadium einer Leukämie Hinweise auf bakterielle Infektionen gibt. Anschließend seien klinische Studien nötig, um die Wirksamkeit einer Behandlung zu bestätigen.

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