Gutes Essen fürs Hirn

Eine ausgewogene Ernährung könnte helfen, altersbedingtes Schrumpfen des Gehirns zu bremsen
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse gilt als gesund.
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse gilt als gesund.
© Creative Commons CC0 Public Domain, Huahom, Sydney/Australia
Rotterdam (Niederlande) - Wer im Alter ausgewogen isst, schützt sein Hirn womöglich ein kleines bisschen vor dem Altern. Senioren, die viel Obst und Gemüse, Nüsse und Fisch auf ihrem Speiseplan haben, besitzen ein etwas größeres Gehirnvolumen als Altersgenossen, die diese als gesund geltenden Lebensmittel weniger oft zu sich nehmen. Das haben niederländische Mediziner in einer Ernährungsstudie mit mehr als 4000 Probanden beobachtet, wie sie im Fachblatt „Neurology” berichten. Dass die Ernährungsweise ursächlich das Hirnvolumen beeinflusst, kann diese Studie allerdings nicht nachweisen, räumen die Forscher ein. Es handelt sich um Momentaufnahmen und die Ergebnisse zeigen lediglich einen statistischen Zusammenhang. Weitere Forschungen, insbesondere Langzeitstudien, seien notwendig, schreiben die Mediziner, um direkte und indirekte Zusammenhänge zwischen der Qualität der Ernährung und der Hirngesundheit aufzuschlüsseln.

„Menschen mit größerem Hirnvolumen, das haben andere Studien gezeigt, besitzen bessere geistige Fähigkeiten”, erläutert Meike W. Vernooij von der Erasmus Universität in Rotterdam. „Daher könnte es eine gute Strategie sein, bei älteren Erwachsenen die Ernährung zu verbessern, um die Denkleistung zu erhalten.” Die Medizinerin und ihre Kollegen hatten die Daten von insgesamt 4213 Freiwilligen im Alter von 45 bis 97 Jahren analysiert, die an einer niederländischen Gesundheitsstudie teilnahmen. Dabei machten die Teilnehmer zu verschiedenen Zeitpunkten im Abstand von mehreren Jahren Angaben zu ihren Ernährungsgewohnheiten – jeweils wie häufig sie im vergangenen Monat rund 400 Speisen gegessen hatten. Außerdem bestimmten die Forscher das Hirnvolumen der Teilnehmer mittels Daten von Kernspintomographien. Mit diesem bildgebenden Verfahren erkannten sie zudem Läsionen in der weißen Substanz, kleine Hirninfarkte und minimale Hirnblutungen.

Die Qualität jedes individuellen Speiseplans berechneten sie anhand der niederländischen Ernährungsempfehlungen. Einzelne Lebensmittel bewerteten sie dazu nicht separat, sondern ordneten sie vielmehr unterschiedlichen Kategorien zu, darunter Obst, Gemüse, Milch- und Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Fleisch, Fisch, Alkohol und zuckerhaltige Getränke. So erhielten sie letztlich einen Wert zwischen 0 und 14, wobei 14 für besonders gut stand. Eine sehr hochwertige Ernährung besteht demnach aus viel Obst und Gemüse, Nüssen, Vollkorn, Milchprodukten und Fisch, aber nur wenig zuckerhaltigen Getränken. Auch die typisch mediterrane Ernährungsweise erreicht einen hohen Wert. Im Schnitt kamen die Teilnehmer auf einen Wert von 7.

Die Mediziner stellten fest: Was kleine Läsionen, Infarkte und Blutungen angeht, fanden sich keine Zusammenhänge mit dem Speiseplan. Doch eine Ernährungsweise mit hoher Bewertung ging einher mit einem leicht größeren Hirnvolumen – unter Berücksichtigung unterschiedlicher Kopfgrößen. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn die Forscher weitere Faktoren in ihre Berechnungen einbezogen, etwa Alter, Bildungsstand, körperliche Aktivität und Rauchen. Wer sich besonders hochwertig ernährte, hatte zwei Milliliter mehr Hirnvolumen als diejenigen, die einen weniger hohen Wert erreichten. Das entspricht rein rechnerisch mehr als einem halben Jahr Altern.

Das Gehirnvolumen schrumpft mit dem Alter, im Schnitt etwa um 3,6 Milliliter im Jahr. Dieses Schrumpfen könnte mit einem gesunden Lebensstil, zu dem auch eine ausgewogene Ernährung zählt, ein wenig gebremst werden. „Es gibt viele komplexe Wechselwirkungen, die zwischen verschiedenen Inhalts- und Nährstoffen in Lebensmitteln auftreten können”, sagt Vernooij. „Unserer Forschung zufolge hatten Leute, die eine Kombination gesünderer Speisen aßen, größere Volumen des Hirngewebes.” Auch frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass sich zum Beispiel eine mediterrane Ernährung positiv auf das Hirn auswirken könnte.

Wie alle Ernährungsstudien weist auch diese Erhebung deutliche Schwächen auf. Zum einen handelt es sich um eine reine Beobachtungsstudie. Damit bilden die Ergebnisse nur einzelne Zeitpunkte ab und können keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung aufzeigen. Zum anderen fragen die Forscher lediglich Erinnerungen zu den genossenen Speisen des vergangenen Monats ab. Die müssen einerseits nicht immer korrekt sein. Andererseits neigen Befragte mitunter dazu, dabei – bewusst oder unbewusst – auch ein bisschen zu flunkern. Dann werden schnell vermeintlich ungesunde Speisen weggelassen oder vermeintlich gesunde hinzugefügt. Aus diesem Grund können Ergebnisse ebenfalls verzerrt sein.

Und nicht zuletzt können Ernährungsgewohnheiten auch bloß ein Anzeichen für andere Lebensgewohnheiten sein, die sich ihrerseits günstig oder ungünstig auf das Gehirnvolumen auswirken. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass es DIE gesunde oder ungesunde Ernährung sowieso nicht gibt, sondern dass Ernährung für jeden Menschen individuell anders zu bewerten ist. Da bei Senioren aber die Lust aufs Essen nicht selten nachlässt, sollten sie besonders darauf achten, ausgewogen zu essen.

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