Schon Kleinkinder erkennen falsches Lächeln

Vierjährige können bereits unterscheiden, ob jemand aus echter Zuneigung oder nur aus Höflichkeit lächelt
Erwachsene erkennen ein falsches Lächeln meist sofort.
Erwachsene erkennen ein falsches Lächeln meist sofort.
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Leipzig - Im Lauf der Evolution hat es sich für den Menschen als überaus vorteilhaft erwiesen, soziale Bindungen einzugehen und miteinander zu kooperieren. Dabei signalisierte der Gesichtsausdruck des Lächelns die Bereitschaft zu solchen Beziehungen. Neben diesem ehrlichen, herzlichen Lächeln gibt es allerdings auch das aufgesetzte Lächeln, das lediglich Ausdruck von Höflichkeit ist oder sogar in betrügerischer Absicht eingesetzt wird. Die Fähigkeit, zwischen beidem zu unterscheiden, entwickelt sich beim Menschen bereits im dritten Lebensjahr, berichtet jetzt ein internationales Forscherteam im Fachblatt „Evolution and Human Behavior”. Ab einem Alter von etwa vier Jahren sind Kinder dann auch in der Lage, von einem ehrlichen Lächeln auf ein freigebiges Verhalten zu schließen. Das lernen Mädchen im Vorschulalter offenbar früher als Jungs.

„Unsere Studien zeigen, dass Kinder zwischen echtem und falschem Lächeln unterscheiden und beide sozialen Signale nutzen können, um das kooperative Potenzial eines anderen zu beurteilen“, schreiben Ruiting Song und Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das könne Kindern helfen, die richtigen Entscheidungen darüber zu treffen, mit wem sie zusammen sein wollen. Die Forscher führten mehrere kleinere Studien durch, an denen insgesamt 168 Mädchen und Jungen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren teilnahmen. Dazu legten sie jedem Kind eine Serie von jeweils zwei Porträtfotos vor, auf denen dieselben Personen einmal spontan und das andere Mal aufgesetzt lächelten. Beim echten, von Herzen kommenden Lächeln bewirken zwei Gruppen von Gesichtsmuskeln, dass nicht nur die Mundwinkel nach oben gezogen, sondern auch die Wangen angehoben werden, so dass sich Lachfältchen in den Augenwinkeln bilden. Das auf den Mund beschränkte Lächeln kann man bewusst erzeugen, beispielsweise um höflich zu sein oder um freundschaftliche Gefühle vorzutäuschen. Das Lächeln mit dem ganzen Gesicht erfolgt dagegen unwillkürlich und ist deshalb ein ehrliches Signal positiver Emotionen.

Die Wissenschaftler fragten zunächst drei- und vierjährige Kinder, auf welchem der beiden Fotos die Person „wirklich“ lächelt oder nur so tut als ob. Die Vierjährigen lagen in 75 Prozent der Fälle mit ihren Antworten richtig, während die Dreijährigen mit etwa 50 Prozent nur Zufallstreffer erzielten. Auch auf die einfachere Frage „Wen magst du lieber?“ bevorzugten die Dreijährigen keine der beiden Gesichtsausdrücke. Doch als in weiteren Tests die Blickbewegungen registriert wurden, ergab sich auch bei ihnen eine klare Präferenz: Die Kinder blickten länger auf das ehrlich lächelnde Gesicht als auf das andere. Bei Zweijährigen ergab aber auch diese Form der Versuchsanordnung keine statistisch relevanten Unterschiede ihrer Auswahl. Ob die älteren Kinder die richtige Entscheidung aufgrund von Merkmalen der Augenpartie treffen, ist noch nicht geklärt.

Im abschließenden Teil der Studien wurde Vier- und Fünfjährigen erklärt, dass es sich bei den beiden Porträts um Zwillinge handele, von denen einer netter wäre und bereitwilliger etwas verschenken würde als der andere. Die Frage lautete nun, wer von beiden wohl eher etwas abgeben würde. In 62 Prozent der Fälle entschieden sich die Kinder für die Person mit dem herzlichen Lächeln. Bei den Mädchen waren es sogar 73 Prozent. Je älter das Kind, desto höher war die Trefferquote. Demnach lernen Kinder im Alter zwischen vier und fünf Jahren, aus dem echten Lächeln des anderen auf ein freigebiges Verhalten zu schließen. Und schon früher, wenn ein Kind gerade beginnt, aktiv Kontakte zu Menschen außerhalb seiner Familie zu knüpfen, entwickelt sich seine Fähigkeit, das Lächeln anderer richtig zu beurteilen. Weitere Studien müssten noch klären, ab welchem Alter ein Kind selbst ein falsches Lächeln einsetzt – wenn es beispielsweise ein Geschenk erhält, das ihm gar nicht gefällt.

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