Prostatakrebs: Höheres Demenzrisiko bei Hormonentzug

Die verbreitete Therapie, durch Absenkung des Testosteronspiegels das Tumorwachstum zu hemmen, ist mit einer größeren Wahrscheinlichkeit von Alzheimer und anderen Formen der Demenz verbunden
Das Hormon Testosteron fördert das Tumorwachstum bei Prostatakrebs und hat eine schützende Wirkung auf Hirnzellen.
Das Hormon Testosteron fördert das Tumorwachstum bei Prostatakrebs und hat eine schützende Wirkung auf Hirnzellen.
© AbcdKolya / Creative Commons (CC BY-SA 3.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
Stanford (USA) - Testosteron beschleunigt das Wachstum von Prostatatumoren. Eine Hormonentzugstherapie wirkt dem entgegen, indem sie den Testosteronspiegel senkt. Doch als eine der Nebenwirkungen dieser Behandlung steigt das generelle Demenzrisiko, wie eine große Studie amerikanischer Mediziner jetzt bestätigt. Die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz zu erkranken, verdoppelte sich bei einem Hormonentzug nach fünf Jahren. Eine ursächliche Beziehung ist damit zwar noch nicht erwiesen, aber sehr wahrscheinlich. Denn es ist bekannt, dass Testosteron Funktion und Wachstum von Neuronen positiv beeinflusst. Die Aussagekraft dieser Untersuchung genüge jedoch nicht, um in jedem Fall von einer Hormonentzugstherapie abzuraten, schreiben die Forscher im Fachblatt „JAMA Oncology“.

„Abhängig vom individuellen Demenzrisiko eines Patienten könnte es in manchen Fällen angebracht sein, eine alternative Behandlung zu erwägen“, sagt Nigam Shah von der Stanford University, der Leiter des Forscherteams. Trotz der überraschend eindeutigen Ergebnisse dieser Studie wäre es verfrüht, schon jetzt konkrete Therapieempfehlungen zu geben, ergänzt Erstautor Kevin Nead. Nur prospektive Studien könnten klären, bei welchen Patienten der Nutzen einer Hormonentzugstherapie größer wäre als der Schaden. Ursprünglich wurden Männer nur dann mit Hormonentzug behandelt, wenn sich bereits Metastasen gebildet hatten. Inzwischen wird diese Therapie in den Industrieländern immer häufiger auch schon bei lokalisierten Prostatatumoren eingesetzt.

Die Forscher werteten elektronisch gespeicherte medizinische Daten von 9272 Krebspatienten aus, die im Schnitt 67 Jahre alt waren. Davon erhielten 1826 eine Hormonentzugstherapie und 314 Männer erkrankten an einer Demenz. Die Antihormonbehandlung war im Zeitraum von fünf Jahren mit einem 2,2-fach höheren Risiko für alle Formen einer Demenz verbunden. Absolut gesehen ergeben sich nur geringe Fallzahlen: Bei Hormonentzug wurden 7,9 Prozent der Patienten dement, bei den anderen waren es 3,5 Prozent. Je länger die Therapie dauerte, desto stärker stieg das Demenzrisiko. Es erreichte ein Maximum nach mindestens zwölf Monaten und erhöhte sich zusätzlich für Patienten, die älter als 70 Jahre waren. Bei der statistischen Auswertung wurden Einflussfaktoren wie Alter, Tabakkonsum, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und die Einnahme einzelner Medikamente berücksichtigt.

Die Absenkung des Testosteronspiegels könnte einerseits die normalerweise schützende Wirkung des Hormons auf Hirnzellen verringern; das aus Testosteron gebildete Östrogen hat ebenfalls einen positiven Effekt auf die Neuronen. Andererseits wirkt sich der Hormonentzug bekanntlich auch nachteilig auf Herz- und Gefäßfunktionen aus, was zu einer schlechteren Durchblutung des Gehirns führen und so die Entwicklung einer vaskulären Demenz fördern könnte. Eine frühere Studie hatte bereits ergeben, dass Krebspatienten unter einer Hormonentzugstherapie größere Mengen an Beta-Amyloid bilden. Das ist der Eiweißstoff, der bei der Alzheimer-Demenz die krankheitstypischen Ablagerungen im Gehirn verursacht. In Folgestudien, so die Autoren, sollte die Art der Hormonentzugstherapie sowie das Stadium der Krebserkrankung mit erfasst werden, um daraus auf den Einzelfall bezogene Empfehlungen für die Therapie ableiten zu können.

© Wissenschaft aktuell


 

Home | Über uns | Kontakt | AGB | Impressum
© Wissenschaft aktuell & Scientec Internet Applications + Media GmbH, Hamburg