Schimpansen: Weder selbstlos noch boshaft

Neue Studie kann bisherige Beobachtungen von scheinbar altruistischem Verhalten nicht bestätigen – aber die Menschenaffen sind auch nicht garstig
Sind Schimpansen doch nicht altruistisch?
Sind Schimpansen doch nicht altruistisch?
© Creative Commons CC0 Public Domain, PublicDomainPictures
Birmingham (Großbritannien) - Schimpansen sind Artgenossen gegenüber offenbar weitaus gleichgültiger als bislang angenommen. Weder helfen sie ihnen auffallend häufig, an leckere Erdnüsse zu kommen, noch haben sie eine auffallende Tendenz, dies zu verhindern. Sie zeigen somit kein selbstloses Verhalten – allerdings auch kein boshaftes. Das haben britische Psychologen in zwei Verhaltensversuchen mit Schimpansen beobachtet, wie sie im Fachblatt „Nature Communications” berichten. Sie stellen damit die Bedeutung bisheriger Beobachtungen infrage, denen zufolge Schimpansen durchaus altruistisches Verhalten an den Tag legen. Dieses scheinbar prosoziale Verhalten könnte allerdings lediglich ein Nebenprodukt bestimmter Aufgabenstellungen sein, vermuten die Forscher.

„Zusammengenommen zeigen die Ergebnisse dieser beiden Experimente, dass Schimpansen nicht in einer Art und Weise handeln, von denen andere profitieren, während sie selbst keine wahrnehmbaren Vorteile haben”, sagt Erstautor Claudio Tennie von der University of Birmingham. Tennie und seine Kollegen hatten mit Schimpansen gearbeitet, die aus illegalem Handel mit Wildtieren gerettet werden konnten und nun in einem Schutzgebiet auf einer Insel in Uganda leben. In einem ersten Test teilten die Forscher 13 Schimpansen einer von zwei Gruppen zu: Die Tiere kamen zwar nicht selbst an den Inhalt einer Futterbox mit Erdnüssen. Jedoch konnten sie Artgenossen, die sie im Nachbarraum auch sehen und hören konnten, den Zugang ermöglichen beziehungsweise verwehren. Dazu mussten sie lediglich einen hölzernen Zapfen entfernen. Das führte in der einen Versuchsanordnung dazu, dass die Box geöffnet wurde, im zweiten Setting dagegen dazu, dass sie verschlossen wurde.

Die Psychologen konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen beobachten. Die Schimpansen entfernten den Zapfen ähnlich häufig – unabhängig davon, ob diese Handlung das Erreichen der Erdnüsse ermöglichte oder eben verhinderte. In beiden Gruppen lösten die Tiere den Zapfen in den ersten Versuchsdurchläufen sehr häufig. Diese anfängliche Begeisterung für das Entfernen des Holzes ließ in den folgenden Durchgängen allerdings schnell und immer mehr nach, sodass er gegen Ende nur noch selten gelöst wurde.

In einem zweiten Experiment brachten die Forscher elf der Tiere zudem explizit bei, welche Folge ihr Handeln auf die Futterbox haben würde. Dazu gaben sie ihnen unmittelbaren Zugang zum Nachbarraum mit der Box. Doch auch dieses zusätzliche Wissen änderte nichts am Verhalten der Tiere. Weder wurden die Erdnüsse häufiger freigegeben, noch verweigert. „Da die Teilnehmer mit der gleichen Wahrscheinlichkeit den Zugang zum Futter verhinderten wie sie ihn erlaubten, sind Schimpansen tatsächlich nicht altruistischer als boshaft”, so Tennie. „Auch nachdem sie eindeutig gezeigt hatten, dass sie die Konsequenzen ihres Tuns verstehen, war ihnen egal, welche Effekte auch immer ihre Aktionen auf andere haben würden.”

Die Ergebnisse zeigen, dass Altruismus bei Schimpansen offenbar nicht so eindeutig ist wie gedacht. „Die Evolution sozialen Verhaltens und was Individuen dazu treibt, altruistisch zu handeln, ist eine wichtige Fragestellung”, erläutert Co-Autor Keith Jensen von der University of Manchester. „Schimpansen scheinen kein Interesse an anderen zu haben, wenn es darum geht, ihnen in einer Versuchssituation Futter zu geben.” Das sei schon rätselhaft, weil andererseits nachgewiesen sei, dass sie Menschen und auch anderen Schimpansen helfen. „Es gab die verlockende Annahme, dass die Wurzeln menschlichen Altruismus mindestens bis zu unseren gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen zurückreicht. Wie auch immer – die Ergebnisse dieser Studie stellen diese Ansicht infrage”, so Jensen. Dass Schimpansen in früheren Experimenten anderen halfen, könne schlicht ein Nebenprodukt interessanter Aufgaben gewesen sein. „Wenn das stimmt, dann würde das bedeuten, dass sich prosoziales Verhalten in der Evolution erst sehr spät entwickelt hat, nachdem wir uns von den anderen Affen getrennt haben.”

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