Abnehmen: Zu viel Bewegung hilft nicht

Bei zu starker körperlicher Aktivität passt sich der Körper an die erhöhten Anforderungen an und verbraucht weniger Kalorien als erwartet
Sport ist unbestritten gesund - sehr viel bringt allerdings nicht viel, wenn es um Gewichtsreduktion geht.
Sport ist unbestritten gesund - sehr viel bringt allerdings nicht viel, wenn es um Gewichtsreduktion geht.
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New York (USA) - Viel hilft viel. Das gilt vermutlich nicht für Sport, wenn er beim Abnehmen helfen soll. Denn mit zunehmender Bewegung nimmt der Kalorienverbrauch nur bis zu einem gewissen Punkt ebenfalls entsprechend zu. Wer sich aber besonders viel bewegt, bei dem stagniert diese Zunahme, haben US-Forscher beobachtet. Der Kalorienverbrauch erreicht dann also ein Plateau, schreiben sie im Fachblatt „Current Biology”. Der Körper gewöhnt sich offenbar an die hohe Belastung. Exzessives Training allein ist demnach keine effektive Möglichkeit, das Körpergewicht zu reduzieren. Wie genau der Körper sich an die Veränderungen bei hoher Aktivität anpasst und zusätzliche Energie bereitstellt, ohne zusätzliche Kalorien zu verbrauchen, wollen die Forscher in weiteren Untersuchungen klären.

„Bewegung ist wirklich wichtig für die Gesundheit”, betont Herman Pontzer von der City University of New York. Das sei das Erste, was er jedem sage, der nach den Auswirkungen dieser Ergebnisse auf sportliche Betätigung fragt. „Es gibt jede Menge von Beweisen, dass Bewegung wichtig ist, um Körper und Geist gesund zu halten, und diese Arbeit ändert nichts an dieser Aussage”, so der Anthropologe. „Neu ist aber, dass wir uns auch auf die Ernährung konzentrieren müssen, ganz besonders, wenn es darum geht, mit unserem Gewicht umzugehen und ungesunde Gewichtszunahme zu verhindern oder umzukehren.” Eine verbreitete Annahme ist, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit, dass mit zunehmender körperlicher Aktivität ein erhöhter Energie- und damit Kalorienverbrauch einhergeht. Und es gibt durchaus Studien, die eine solche Korrelation bestätigen. Dennoch kommt eine zunehmende Zahl von Studien, die die langfristigen Effekte von Bewegung auf den Stoffwechsel untersuchen, zu der Erkenntnis: Die Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und Energieverbrauch sind weit komplexer und folgen nicht einem solch einfachen, linearen Zusammenhang.

Praktische Beispiele bestätigen das. Wer etwa mit einem Sportprogramm zum Abnehmen beginnt, beobachtet nach mehreren Monaten häufig, dass sich der Effekt der gewünschten Gewichtsabnahme verringert, stagniert oder sogar umkehrt. Außerdem gibt es eine afrikanische Volksgruppe von Jägern und Sammlern, die sich durch enorm hohe Aktivität auszeichnet – aber keinen entsprechend hohen Kalorienverbrauch an den Tag legt. „Die Hadza sind unglaublich aktiv, laufen täglich weite Strecken und verrichten Tag für Tag eine Menge harter körperlicher Arbeit”, erzählt Pontzer. „Wir stellten fest, dass sie trotz dieser hohen Aktivität einen ähnlichen Energieverbrauch haben wie Leute mit einem modernen, mehr sitzenden Lebensstil, wie er in Europa oder den USA üblich ist. Das war eine richtige Überraschung und machte mich nachdenklich.”

In der aktuellen Studie wollten Pontzer und seine Kollegen daher den Zusammenhängen zwischen körperlicher Aktivität und Kalorienverbrauch näher auf den Grund gehen. Dazu maßen sie bei insgesamt 332 Frauen und Männern eine Woche lang, wie aktiv sie waren und welchen Energieverbrauch sie an den Tag legten. Die Forscher stellten fest, dass es einen schwachen, aber messbaren Effekt der Bewegung auf den täglichen Energieverbrauch gab. Bei genaueren Analysen traf dies allerdings nur auf diejenigen Teilnehmer zu, die sich nicht so sehr körperlich betätigten. So verbrauchten diejenigen mit moderater Aktivität tatsächlich rund 200 Kilokalorien mehr als jene, die ihren Tag primär im Sitzen verbrachten. Wer sich allerdings mehr als moderat bewegte, bei dem schlug sich das Extra an Bewegung nicht in zusätzlichem Kalorienverbrauch nieder. „Die körperlich aktivsten Leute verbrauchten dieselbe Menge an Kalorien täglich wie Leute, die nur moderat aktiv waren”, sagt Pontzer. Es scheint demnach ein – noch unbekanntes – optimales Ausmaß an körperlicher Aktivität zu geben: Zu wenig ist ungesund, aber zu viel scheint den Körper dazu zu bringen, sich an die Anforderungen anzupassen.

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