Gesunde Ernährung – alles relativ

Aufwendige Studie belegt: Jeder reagiert anders auf Lebensmittel
Nicht jeder reagiert auf Eis mit einem sprunghaften Anstieg des Blutzuckerspiegels.
Nicht jeder reagiert auf Eis mit einem sprunghaften Anstieg des Blutzuckerspiegels.
© Shutterstock, Bild 114210160
Rehovot (Isreal) - Es soll ja durchaus gesund sein, sich ausgewogen zu ernähren, mit viel Obst und Gemüse, wenig Kohlenhydraten und nicht zu viel Fleisch. Doch ganz so einfach ist das alles wohl doch nicht. Gesund ist nicht gleich gesund, denn nicht für jeden Menschen gelten dieselben Ratschläge. Was dem einen gut tut, ist für den anderen womöglich ungünstig. Das verdeutlicht jetzt eine aufwendige Studie israelischer Forscher, die mit Hilfe kontinuierlicher Blutzuckermessungen untersucht hatten, welche Lebensmittel wie verstoffwechselt werden und wie sich die jeweilige Mahlzeit individuell auf den Blutzuckerspiegel auswirkt. Universelle Ernährungsempfehlungen sind von limitiertem Nutzen, schreiben sie im Fachblatt „Cell”. Sie schlagen vielmehr eine personalisierte Diät vor, die sich exakt nach den individuellen Bedürfnissen richtet.

„Nachdem ich diese Daten gesehen habe, denke ich über die Möglichkeit nach, dass wir vielleicht wirklich völlig falsch liegen, wie wir über Übergewicht und Diabetes denken”, erläutert Eran Segal vom Weizmann's Department of Computer Science and Applied Math. „Die meisten Ernährungsempfehlungen basieren auf Bewertungssystemen. Was die Leute allerdings nicht beleuchten, oder vielleicht auch gar nicht in Gänze erfassen, ist, dass es tiefgreifende Unterschiede zwischen den Individuen gibt.” In manchen Fällen reagiere ein Individuum völlig gegensätzlich auf etwas als ein anderes. Und da sei eine wirklich große Lücke in der Literatur.

Ein übermäßig erhöhter Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit ist ein verbreitetes Phänomen und gilt als Risikofaktor, später einen Diabetes vom Typ 2 zu entwickeln. Ein Maß für das Ausmaß dieser Steigerung nach dem Verzehr verschiedener Lebensmittel ist der sogenannte glykämische Index. Grundsätzlich lässt sich das Ansteigen des Blutzuckerspiegels auch über unterschiedliche Nahrungsmittel regulieren, die einen unterschiedlichen glykämischen Index haben. Universelle Ernährungsempfehlungen haben sich aber nur als eingeschränkt effektiv erwiesen, schreiben die Forscher.

Über eine Woche hinweg untersuchten sie daher mit Hilfe eines speziellen Geräts bei 800 Freiwilligen alle fünf Minuten, wie sich deren Blutzuckerspiegel veränderte. Außerdem befragten Segal und Kollegen die Teilnehmer nach diversen Gesundheitsaspekten, nahmen Körpermaße sowie Blut- und Stuhlproben und baten sie, mit Hilfe einer App ihre Lebensgewohnheiten und Mahlzeiten zu dokumentieren. Zusätzlich erhielten die Probanden einige standardisierte und damit absolut identische Mahlzeiten zum Frühstück. So schufen die Forscher sehr gut kontrollierte Bedingungen, erfassten die Blutzuckerwerte nach insgesamt 46.898 Mahlzeiten und erhielten damit für jeden einzelnen Probanden individuelle Angaben. Und die Ergebnisse einzelner Probanden ließen sich sehr gut miteinander vergleichen. „Eine so große Gruppe ohne jegliche Voreingenommenheit zu untersuchen, klärte uns auf, wie unpräzise wir alle über eine der grundlegendsten Konzepte unserer Existenz dachten, nämlich über was wir essen und wie wir Ernährung in unseren Alltag integrieren”, erläutert Elinav. „Im Gegensatz zu unseren aktuellen Methoden könnten es maßgeschneiderte Diäten erlauben, Ernährung als eine Methode zu nutzen, erhöhte Blutzuckerspiegel und die damit verbundenen medizinischen Probleme zu kontrollieren.”

Es stellte sich heraus, dass der glykämische Index kein festgesetzter Wert für ein bestimmtes Lebensmittel ist, sondern vielmehr vom Individuum abhängt. So kam es etwa vor, dass bei manchen der Blutzuckerwert nach dem Genuss von Sushi in die Höhe schoss – nicht aber nach Eiscreme. Eine Probandin mit Übergewicht und einer Vorstufe zum Diabetes zum Beispiel reagierte auf Tomaten – die im Prinzip als gesundes Gemüse gelten – mit einem heftigen Anstieg des Blutzuckerspiegels. „Für diese Person würde eine individuell maßgeschneiderte Diät keine Tomaten enthalten”, erklärt Eran Elinav vom Weizmann's Department of Immunology, „dafür aber vielleicht andere Zutaten, die viele nicht unbedingt als gesund erachten würden, die aber tatsächlich gesund für sie sind.”

All die gesammelten Daten nutzten die Forscher außerdem für die Erstellung eines Algorithmus, mit dem sich exakt vorhersagen ließ, wie der Blutzuckerspiegel von einem der 800 Teilnehmer auf eine bestimmte Mahlzeit reagieren würde. Auch bei 100 weiteren Probanden funktionierte diese mathematische Vorhersage, so dass sich der Algorithmus sogar für das Erstellen personalisierter Ernährungspläne verwenden lässt.

Eine Rolle für die beobachteten individuellen Unterschiede könnte etwa die individuell unterschiedlich zusammengesetzte Darmflora spielen. Das legen Analysen nahe, welche die Forscher noch an den in den Stuhlproben enthaltenen Arten von Darmbakterien, durchgeführt haben. Die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst, wie Nahrungsmittel verwertet werden und wird umgekehrt auch von dem beeinflusst, was jemand isst. „Unter Ernährungsspezialisten und Ärzten ist durchaus bekannt, dass Patienten sehr unterschiedlich auf verordnete Diäten ansprechen”, sagt Segal. „Wir können in den Daten sehen, dass dieselben allgemeinen Empfehlungen den Menschen nicht immer helfen. Meine größte Hoffnung ist es, dass wir dieses Boot wenden und in eine andere Richtung steuern können.”

Sicher ist der glykämische Index nicht alles. Ebenso spielen natürlich Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sowie eine Vielzahl weiterer Substanzen eine Rolle für eine gesunde Ernährung. Dennoch ist ein gesunder Blutzuckerspiegel ein zentraler Bestandteil der Gesundheit. Daher ist es sinnvoll, den glykämischen Index einzubeziehen, wenn es um eine vorteilhafte Ernährung geht. Auch wenn die Forscher einen Algorithmus entwickelt haben, der bei der Erstellung einer personalisierten Diät helfen kann und sagt, was gut und was schlecht ist – letztlich ist es vermutlich gar nicht so verkehrt, was manche Ernährungsexperten bereits empfehlen: wieder mehr auf den echten eigenen Hunger zu hören und darauf, worauf man wirklich Lust und Appetit hat.

© Wissenschaft aktuell
Quelle: „Personalized nutrition by prediction of glycemic responses”, Zeevi, Korem, Elinav, Segal et al.; Cell, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.cell.2015.11.001


 

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