Immer der Nase nach

Der schlechte menschliche Geruchssinn ist womöglich lediglich ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert und wir riechen weit besser als uns nachgesagt wird - sagt ein US-Forscher
Womöglich ist die menschliche Nase der des Hundes gar nicht so sehr unterlegen wie vermutet.
Womöglich ist die menschliche Nase der des Hundes gar nicht so sehr unterlegen wie vermutet.
© C. Dick-Pfaff
Piscataway (USA) - Nahezu jeder würde wohl der Behauptung zustimmen, dass Hunde oder Ratten besser riechen können als Menschen. Schließlich sind deren Nasen berühmt für außerordentliche Leistungen, während der Mensch seit Jahrhunderten als sogenannter Mikrosmat gilt – also als eine Art, deren Geruchssinn weniger gut ausgeprägt ist. Das allerdings ist nicht mehr als ein Mythos, der sich zwar hartnäckig hält, aber mit modernen wissenschaftlichen Experimenten gar nicht belegt wurde, sagt ein Psychologe und Neurowissenschaftler aus den USA. Seine Argumentation dafür, dass das menschliche Geruchsvermögen – nicht selten sogar in der Fachwelt – völlig unterschätzt wird, legt er im Fachblatt „Science” dar.

„Die Ansicht, dass der menschliche Geruchssinn im Vergleich zu anderen Säugetieren armselig ist, ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert”, bringt es John P. McGann von der Rutgers University in Piscataway auf den Punkt. „So lange haben es die Leute nicht hinbekommen, mal innezuhalten und diese Behauptung infrage zu stellen – nicht einmal diejenigen, die den Geruchssinn Zeit ihres Lebens studieren.” Tatsache sei aber, urteilt McGann, dass der Geruchssinn beim Menschen genauso gut ist wie bei anderen Säugern, etwa Nagern und Hunden. Menschen könnten zum Beispiel weit mehr Gerüche unterscheiden als man aus Volksweisheiten oder sogar Einführungswerken in der Psychologie meinen würde.

Seines Erachtens fußt die Meinung, der Mensch sei ein schlechter Riecher, auf den Ausführungen von Paul Broca, einem bekannten Neuroanatomen aus dem 19. Jahrhundert. Weil die für das Riechen zuständige Region im Gehirn – der sogenannte Riechkolben oder Olfaktorische Bulbus – verglichen mit dem Rest des Gehirns ein deutlich geringeres Volumen einnimmt als bei anderen Säugetieren, attestierte Broca dem Menschen einen verhältnismäßig verkümmerten Geruchssinn. Auch relativ neue Erkenntnisse aus der Neurobiologie und Genetik passen in dieses Bild. So ist es beispielsweise eine Tatsache, dass Ratten und Mäuse Gene für rund 1000 unterschiedliche Geruchsrezeptoren besitzen – Menschen nur rund 400.

Dennoch hält McGann Brocas Hypothese für nicht haltbar. Zwar sei der Riechkolben proportional gesehen tatsächlich kleiner als bei Nagern, doch die Zahl der Nervenzellen in dieser Hirnregion absolut gesehen sogar größer. Darüber hinaus gebe es beim Menschen zwar weniger genetische Informationen für die Geruchsrezeptoren als bei Nagern – dafür seien aber die zugehörigen Hirnstrukturen, die zur Interpretation der Informationen benötigt werden, weitaus komplexer. Denn in seiner Gesamtheit ist das menschliche Gehirn überaus leistungsstark. „Hunde sind vielleicht besser als Menschen darin, die Urinspuren an einem Hydranten zu unterscheiden”, erläutert McGann, „Und Menschen sind vielleicht besser als Hunde darin, die Aromen guter Weine zu unterscheiden. Doch nur wenige solcher Vergleiche werden derzeitig durch Experimente unterstützt.” Er geht davon aus: Würde eine entsprechende Bandbreite an Gerüchen getestet, würden Menschen Ratten und Hunde darin schlagen, manche Gerüche zu erkennen, während sie für andere weniger empfindlich wären.

Ein Grundproblem am unterschätzten Geruchssinn besteht McGann zufolge darin, dass er eine viel größere Rolle spielt als die meisten annehmen. Die Geruchswahrnehmung beeinflusst das Handeln, die Gefühlswelt, ruft Erinnerungen hervor und festigt Erlebtes. Manchmal geschieht dies bewusst, oft aber auch unbewusst. Auch Ausdrücke wie „Den kann ich nicht riechen”, kommen nicht von ungefähr und sind gar nicht so sehr metaphorisch gemeint. Nicht zuletzt scheinen Beeinträchtigungen des Geruchssinns häufig auch mit Krankheiten einherzugehen, etwa mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson.

McGann steht mit seiner Ansicht übrigens nicht alleine da. So geht etwa auch die Lebensmittelchemikerin Andrea Büttner davon aus, dass die Fähigkeiten des Menschen in Sachen Geruch eher unterschätzt werden. „Die menschliche Nase ist ein leistungsstarkes analytisches Werkzeug, das unsere zwischenmenschlichen Beziehungen stark beeinflussen kann und im Umgang mit modernen Materialien und Prozessen zielgerichtet eingesetzt werden kann“, erklärt die Aromaforscherin vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) und von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mit dem im Springer-Verlag erschienenen „Handbook of Odor” hat sie kürzlich ein Kompendium rund um zahlreiche Aspekte der Geruchsforschung herausgegeben – darunter Chemie und Herkunft von Geruchsstoffen, Physiologie und Psychologie der Geruchswahrnehmung sowie Verwendung von Aromen und deren Messung.

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