Fäkale Mimikry: Stinkende Nussfrucht lockt kotfressende Käfer an

Südafrikanisches Savannengras bildet Samenkörner, die in Geruch und Aussehen den Kotballen von Antilopen ähneln
Der Blatthornkäfer Epirinus flagellatus (f) wird vom Geruch der Nussfrucht (a = Aufsicht, b = Seitenansicht) des Grases Ceratocaryum argenteum angelockt, die einem Kotballen (g) von Antilopen ähnelt.
Der Blatthornkäfer Epirinus flagellatus (f) wird vom Geruch der Nussfrucht (a = Aufsicht, b = Seitenansicht) des Grases Ceratocaryum argenteum angelockt, die einem Kotballen (g) von Antilopen ähnelt.
© Jeremy Midgley, University of Cape Town
Rondebosch (Südafrika) - Die Nussfrüchte eines Savannengrases sehen nicht nur so aus wie die Kotballen von Antilopen, sie riechen auch so. Dadurch lassen sich kotfressende Käfer täuschen. Sie werden vom Geruch angelockt und vergraben die Nüsse, so wie sie es mit den Kotkugeln tun, die ihnen und ihrer Brut als Nahrung dienen. Über diese ungewöhnliche Form der Täuschung, mit der eine Pflanze ein Tier ausnutzt, um den Keimerfolg ihrer Samen zu verbessern, berichten südafrikanische Biologen im Fachblatt „Nature Plants”.

„Ich war überzeugt davon, dass die Grassamen wegen ihrer enormen Größe attraktiv für Nagetiere wären, die die Nüsse entweder direkt fressen oder als Vorrat vergraben würden“, sagt Jeremy Midgley von der University of Cape Town, der Leiter des Forscherteams. Die Pflanzen profitieren von dieser Beziehung, da sich die Keimbedingungen für die nicht wieder ausgegrabenen Samen verbessern. Im Freiland aufgestellte Videokameras, die auf Bewegung reagieren, zeigten den Forschern jedoch etwas Überraschendes: Nicht die erwarteten Kleinnager, sondern kotfressende Blatthornkäfer (Epirinus flagellatus) wurden von den Nussfrüchten angezogen und vergruben sie nach Art der Mistkäfer. Sie konnten die sehr hartschaligen Nüsse aber nicht als Nahrung nutzen.

Das in der Strauchsavanne des südafrikanischen Naturschutzgebiets De Hoop Nature Reserve vorkommende Seilgrasgewächs Ceratocaryum argenteum verbreitet seine Samen in Form von kugeligen Nüssen mit dunkelbrauner, rauer Schale, die mit einem Durchmesser von einem Zentimeter für ein Gras ungewöhnlich groß sind. Ein weiteres auffallendes Merkmal, worin sie sich von den Nüssen verwandter Grasarten unterscheiden, ist ihr anhaltend intensiver Geruch, der dem von Kot dort lebender Antilopen ähnelt. „In meinem Büro habe ich seit neun Monaten Samenkörner aufbewahrt, die noch immer sehr stechend riechend“, sagt Midgley. Er vermutet, dass der Geruch Säugetiere abstößt, was aber durch weitere Experimente noch überprüft werden müsse. Sicher ist dagegen, dass der Käfer Epirinus flagellatus die Nüsse mit Dungkugeln von Antilopen verwechselt. Dem etwa einen Zentimeter großen Käfer gelingt es, die vermeintliche Nahrung wegzurollen und in den Boden zu ziehen. In den Freilandexperimenten wurden die Nüsse im Schnitt 21 Zentimeter weit transportiert und zwei Zentimeter tief vergraben.

Durch Gaschromatographie und Massenspektrometrie verglichen die Forscher die Geruchsstoffe, die von den Nüssen und von Kotballen des Buntbocks (Damaliscus pygargus) und einer anderen Antilopenart ausgehen. Dabei ergaben sich große Übereinstimmungen, wobei frische Nüsse sogar mehr Geruchsstoffe produzierten als frischer Kot. Welche der leicht flüchtigen chemischen Substanzen die stärkste anziehende Wirkung auf die Käfer ausübt, ist noch nicht bekannt. Da die Antilopen die Grassamen nicht fressen, lässt sich die Ähnlichkeit des Gestanks nicht darauf zurückführen, dass der Kot Bestandteile der Nussfrüchte enthält, stellten die Biologen fest.

Andere Käfer können indirekt zur Verbreitung von Pflanzensamen beitragen, indem sie den Kot von früchtefressenden Säugern zusammen mit dem darin enthaltenen Samen vergraben. Von diesem Verhalten profitieren dann Pflanze und Käfer gleichermaßen. Der Epirinus-Käfer dagegen wird zum Opfer einer Täuschung, die nur der Pflanze Vorteile bringt. Eine solche ungewöhnliche Beziehung zwischen Pflanze und Insekt könne sich nur entwickeln, wenn die Menge an Antilopendung und die Größe der Käferpopulation eines Gebietes in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander stehen, sagt Midgley. Die Dynamik einer derartigen fäkalen Mimikry sei bisher kaum erforscht.

Andere bekannte Beispiele für Täuschung in der Pflanzenwelt stehen meist im Zusammenhang mit der Bestäubung. So gibt es Orchideen, die mit farbenprächtigen Blüten Insekten als Bestäuber anlocken, ohne diese mit Nektar zu belohnen. Einige Arten bilden sogar Blüten, die denen von nektarproduzierenden anderen Pflanzen ähneln. Der Normalfall ist aber eine Beziehung zu gegenseitigem Nutzen, wobei die Pflanze den Bestäuber mit Nektar oder Pollen belohnt.

© Wissenschaft aktuell


 

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