Wenn der Kuckuck wie ein Sperber ruft

Um die Wirtsvögel abzulenken, äußert das Weibchen des Brutparasiten Kicherlaute, die denen des Greifvogels ähneln
Teichrohrsänger füttert Kuckucksküken.
Teichrohrsänger füttert Kuckucksküken.
© Per Harald Olsen / Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA 3.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
Cambridge (Großbritannien) - Der Kuckuck darf sich bei der Eiablage nicht erwischen lassen. Sonst werfen die Wirtsvögel das fremde Ei sofort wieder aus dem Nest. Deshalb gibt das Weibchen, sobald das Ei platziert ist, kichernde Laute von sich, die den Rufen eines Sperbers ähneln. Um einem vermeintlichen Angriff dieses Räubers zu entfliehen, richten die getäuschten Vögel ihre Aufmerksamkeit dann verstärkt auf die Umgebung und weniger aufs Nest. Und der Brutparasit kann unbemerkt davonfliegen. Kehren die Wirtsvögel zum Gelege zurück, sind sie kaum misstrauisch und akzeptieren das Kuckucksei mit größerer Wahrscheinlichkeit als sonst, berichten britische Biologen im Fachblatt „Nature Ecology & Evolution“. Auf die bekannten Kuckucksrufe des Männchens reagieren die brütenden Vögel übrigens gar nicht.

„Es erscheint zunächst paradox, dass weibliche Kuckucke (Cuculus canorus) auffallende Kicherlaute erzeugen, nachdem sie ein Gelege parasitiert haben“, schreiben Jenny York und Nicholas Davies von der University of Cambridge. Doch jetzt konnten sie zeigen, dass diese den Rufen des Sperbers ähnlichen Laute den Erfolg der Brutparasiten erhöhen, indem sie die Aufmerksamkeit der Vogeleltern vom Gelege ablenken, da die Wirtsvögel nun verstärkt auf die eigene Sicherheit bedacht sind. Die Kuckucksmännchen lassen ihre typischen Rufe erklingen, um Weibchen anzulocken und ihr Revier zu verteidigen. Die seltenen Rufe der Weibchen klingen völlig anders und haben eine ganz andere Funktion. Die schnelle Folge von „Kwik-kwik-kwik“-Tönen werden nur in Zusammenhang mit der Eiablage erzeugt und klingen ähnlich wie das „Kiii-kiii-kiii“ des Sperbers (Accipiter nisus). Die unterschiedlichen Lautäußerungen von Männchen und Weibchen sind offenbar ein Merkmal der parasitischen Lebensweise dieser und anderer Kuckucksvögel, vermuten die Forscher.

Die Biologen beobachteten zunächst die Reaktion von 24 Brutpaaren des Teichrohrsängers (Acrocephalus scirpaceus), einer Vogelart, die vom Kuckuck parasitiert wird. Dazu spielten sie über Lautsprecher in der Nähe des Nestes vier Aufnahmen von Vogelstimmen ab: Rufe von männlichen und weiblichen Kuckucken, von Sperbern und Türkentauben. Die Teichrohrsänger, die wie andere Singvögel zu den Beutetieren der Sperber zählen, reagierten auf den Sperberruf mit deutlich gesteigerter Wachsamkeit. Dasselbe Verhalten zeigten sie auch, wenn sie Laute des Kuckucksweibchens hörten, während die Töne des männlichen Kuckucks und der Türkentaube keine Beachtung fanden. Auch Kohl- und Blaumeisen, die den Sperber ebenfalls als Räuber fürchten, aber nicht vom Kuckuck parasitiert werden, reagierten in gleicher Weise auf die Rufe von Sperber und Kuckucksweibchen. Das beweist, dass die Vögel – im Gegensatz zum Menschen – nicht zwischen diesen beiden Rufen unterscheiden können.

Schließlich simulierten die Forscher die Ablage von Kuckuckseiern, indem sie aus 72 Gelegen von Teichrohrsängern jeweils ein Ei entnahmen, es braun färbten und wieder zurücklegten. Über einen Lautsprecher wurde dann einer der vier Vogellaute abgespielt. Nach einem und drei Tagen kontrollierten sie, ob die Vögel das braune Ei aus dem Nest geworfen hatten. Waren die Rufe des weiblichen Kuckucks erklungen, hatten die Wirtsvögel mit doppelt so großer Wahrscheinlichkeit das simulierte Kuckucksei akzeptiert wie nach den Rufen des Kuckucksmännchens. Für potenzielle Wirtsvögel ist es sinnvoll, auf das „Kuckuck“ der Männchen nicht zu reagieren, da diese auch dann ertönen, wenn keine akute Gefahr durch ein Weibchen droht. In der Auseinandersetzung zwischen Brutparasit und Wirtsvogel, so die Autoren, ist es meist das Kuckucksweibchen, das zuletzt lacht.

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