Schlaf verbessert Erinnerung von Augenzeugen

Bei einer Gegenüberstellung sinkt das Risiko einer falschen Täteridentifizierung, wenn der Zeuge zuvor eine Nacht geschlafen hat
Die Aussage von Augenzeugen bei einer Gegenüberstellung ist oft unzuverlässig.
Die Aussage von Augenzeugen bei einer Gegenüberstellung ist oft unzuverlässig.
© Chatsam / CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21595921CC BY-SA 3.0
East Lansing (USA) - Immer wieder kommt es vor, dass sich Augenzeugen bei der Identifizierung von Straftätern irren und Unschuldige verurteilt werden. Die Wahrscheinlichkeit solcher Irrtümer sinkt, wenn die Zeugenbefragung nicht noch am gleichen Tag, sondern erst am nächsten Morgen erfolgt, berichten amerikanische Psychologen. Wie bereits für andere Gedächtnisleistungen bestätigt, verbessert der Schlaf offenbar auch die Erfolgsquote beim Wiedererkennen unbekannter Menschen, die bei einer strafbaren Handlung beobachtet wurden. Wahrscheinlich laufen im Gehirn unterschiedliche Prozesse der Entscheidungsfindung ab, je nachdem ob die Befragung vor oder nach einer Schlafphase erfolgt, schreiben die Forscher im Fachblatt „PLoS One“.

„Bei Gegenüberstellungen werden oft falsche Aussagen gemacht. Das zeigt, dass unser Gedächtnis nicht sehr zuverlässig ist, und das ist ein Problem, wenn es die Konsequenzen eines Strafverfahrens betrifft“, sagt Michelle Stepan von der Michigan State University in East Lansing. In ihrer Studie könnte der Einfluss des Schlafs auf die Gedächtnisleistung zum einen darin bestehen, dass er aktiv Gedächtnisinhalte festigt. Zum anderen schützt der Schlafzustand passiv vor Ablenkungen im Wachzustand, die die Zuverlässigkeit des Wiedererkennens stören könnten. Nach Ansicht der Autoren dürfte aber bei Gegenüberstellungen der erstgenannte Effekt von größerer Bedeutung sein.

An der Studie beteiligten sich 198 Studentinnen und Studenten. Die Probanden sahen ein 13-Sekunden-Video, in dem ein Schauspieler einen Bombenleger spielte und dabei zweimal kurz direkt in die Kamera blickte. Zwölf Stunden später wurde jedem Teilnehmer eine Reihe von sechs Porträtfotos vorgelegt. Diese stellten Personen dar, die dem Täter ähnlich sahen. Eines oder aber keines der Fotos zeigte den Bombenleger. Die Forscher prüften damit die Wahrscheinlichkeiten, mit denen entweder der Richtige identifiziert oder jemand fälschlich beschuldigt wurde. Die Hälfte der Teilnehmer sah den Videofilm am frühen Morgen und gab am Abend Auskunft darüber. Die anderen sahen den Film am Abend und mussten am nächsten Morgen, nachdem sie geschlafen hatten, ihre Angaben machen.

Beide Gruppen identifizierten das Bild des Täters in 50 Prozent der Fälle – der Schlaf spielte für die Trefferquote keine Rolle. Zeigte keines der sechs Fotos den Täter, beschuldigten allerdings 42 Prozent derjenigen, die geschlafen hatten, einen Unschuldigen. Bei denen, die nicht geschlafen hatten, waren es sogar 66 Prozent. „Mit anderen Worten: Schlaf hilft dir nicht, den Richtigen zu finden, aber er hilft dir zu verhindern, dass ein Unschuldiger ins Gefängnis muss“, sagt Kimberly Fenn, die Leiterin der Arbeitsgruppe. Die Forscher vermuten, dass es zwei unterschiedliche Strategien der Wiedererkennung gibt: Nach dem Schlaf vergleichen die Testpersonen eher jedes einzelne Foto mit dem in ihrem Gedächtnis gespeicherten Bild. Ohne Schlaf vergleichen sie dagegen die sechs Fotos miteinander und beurteilen dann, welches davon dem des Täters am ähnlichsten ist. Bei der zweiten Methode kommt es häufiger zu einer falschen Identifizierung. Der Schlaf beeinflusst demnach, welcher der beiden Gedächtnisprozesse im Gehirn abläuft, wenn es darum geht, sich an das Aussehen einer Person zu erinnern.

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