Der Gipfel des Gletscherschwunds

In den Alpen könnten dieses Jahrhundert nahezu alle bis auf gerade mal 20 Gletscher verschwinden – Höhepunkt des Schwunds bis 2040 erwartet
Unter dem Morteratschgletscher im schweizerischen Kanton Graubünden.
Unter dem Morteratschgletscher im schweizerischen Kanton Graubünden.
© Lander Van Tricht, ETHZ
Zürich (Schweiz) - Noch finden sich rund 210.000 Gletscher auf der gesamten Erde. Doch jedes Jahr schmelzen davon etwa 800 vollständig ab und verschwinden. Der rasante Schwund wird sich bis Mitte des Jahrhunderts auf bis zu 4000 Gletscher jährlich beschleunigen. Dieses Maximum – „Peak Glacier Extinction“ genannt – ermittelte eine internationale Gruppe von Glaziologinnen und Glaziologen. Wie die Forschenden in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ berichten, sind die Gletscher in Regionen Zentraleuropas wie den Alpen besonders von dem stark beschleunigten Gletscherschwund betroffen. So könnten bei fortschreitender Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts gerade mal 20 von den heute noch 3198 Gletschern überleben.

„Zum ersten Mal haben wir jedem Gletscher auf der Erde ein Jahr zugeordnet, in dem er verschwunden sein wird“, sagt Lander Van Tricht von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe nutzte er drei Gletschermodelle, mit denen sich das Schmelzverhalten bei unterschiedlichen Parametern wie Höhenlage, Geländeform oder Ausrichtung zur Sonne ermitteln lässt. Auf dieser Basis entwickelten die Forschenden Prognosen für vier klimapolitisch relevante Erwärmungsszenarien: 1,5 Grad und 2,0 Grad (Pariser Klimaziele), 2,7 Grad (gegenwärtig zugesagte Klimaschutzziele) und ein Hochemissionsszenario mit 4,0 Grad Erderwärmung. Ein Gletscher gilt dabei als verschwunden, wenn seine Fläche auf unter 10.000 Quadratmeter sinkt oder sein verbleibendes Volumen auf weniger als ein Prozent des Ausgangswertes schrumpft.​

Die Analyse zeigt, dass in Regionen mit vielen kleinen Gletschern wie in den Alpen der Höhepunkt der Gletscherschmelze schon in einigen Jahren ab 2033 erreicht sein könnte. In Gebieten mit überwiegend großen Gletschern – etwa der Arktis, Spitzbergen oder an den Rändern Grönlands – wird dagegen das Maximum des Gletscherschwunds erst später im 21. Jahrhundert auftreten. Bei einer aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlichen Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad könnten bis 2100 noch fast die Hälfte aller heutigen Gletscher überleben. Unter dem wahrscheinlicheren Szenario von 2,7 Grad würde hingegen nur ein Fünftel verbleiben, bei vier Grad sogar weniger als zehn Prozent.

In den Alpen jedoch wirkt sich der Gletscherschwund deutlich stärker aus. Selbst bei einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad würden bis zum Ende des Jahrhunderts mit etwa 430 Gletschern nur zwölf Prozent verbleiben, bei zwei Grad acht Prozent und bei vier Grad nur noch ein Prozent mit 20 Gletschern. Ähnlich stark werden die Gletscher in den amerikanischen Rocky Mountains abschmelzen. In Zentralasien könnten bei vier Grad Erderwärmung immerhin vier Prozent der Gletscher, insgesamt etwa 2500, überdauern, und in den Anden in Südamerika sechs Prozent mit knapp 1000 Gletschern.

Diese Studie zeigt, dass selbst bei einem ambitionierten Klimaschutz mehr als die Hälfte aller Gletscher in den kommenden Jahrzehnten verschwinden wird. Das wird in den betroffenen Regionen wie den Alpen nicht nur starke Auswirkungen auf den Skitourismus haben. Auch die Wasserversorgung der angrenzenden Tallandschaften mit Schmelzwasser wird gefährdet. Das Risiko für Bergstürze nimmt dagegen zu. Zudem gehen mit dem Verschwinden der Gletscher nicht nur malerische Landschaften verloren, sondern auch Traditionen, Geschichten und Identitäten der Bevölkerung, die über Jahrhunderte mit diesen Eismassen verbunden waren.

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