Im O-Ton

Wo sind die Aliens?

Prof. Dirk Schulze-Makuch, Astrobiologe
Prof. Dirk Schulze-Makuch, Astrobiologe
© Schulze-Makuch/Washington State University
Ein Interview mit dem Astrobiologen Prof. Dirk Schulze-Makuch von der Washington State University über die Schwierigkeiten, außerirdisches Leben aufzuspüren

Wissenschaft aktuell: Was ist der Unterschied zwischen lebender und toter Materie?

Schulze-Makuch: Leben ist schwer zu definieren, weil viele dynamische Vorgänge in der Natur - zum Beispiel Wirbelstürme - zumindest teilweise ähnliche Eigenschaften zeigen wie Lebewesen. Leben verändert seine direkte Umwelt, es besitzt eine innere Ordnung, grenzt sich von der äußeren Umwelt ab und besitzt einen Code, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das ist sehr abstrakt, aber es gibt wahrscheinlich keine "Essenz" des Lebens - der Übergang zwischen Leben und Nicht-Leben ist fließend. Wo genau man die Grenze zieht, ist Geschmackssache. Sind Viren lebendig? Ich meine ja, viele meiner Kollegen sagen nein.
  
Wissenschaft aktuell: Wie kann man unbeeinflusst von irdischen Vorurteilen nach Leben suchen?

Schulze-Makuch: Wir können beispielsweise nach komplexen Molekülen suchen, die ungewöhnlich häufig vorkommen. Ohne solche Makromoleküle ist Leben nicht vorstellbar. Dabei könnte außerirdisches Leben natürlich völlig andere Moleküle benutzen als die, die wir auf der Erde kennen. Selbst für Leben auf der Basis von Silizium wäre dieser Grundsatz gültig.

Wissenschaft aktuell: Komplexe Moleküle wie Aminosäuren findet man sogar im Weltall. Könnte Leben also auch außerhalb von Planeten entstehen?

Schulze-Makuch: Das glaube ich nicht. Denn im Vakuum des Weltalls sind Wasser und andere Flüssigkeiten nicht stabil. Und solche Flüssigkeiten dienen in Lebewesen als wichtige Lösungsmittel. Aber im Weltall können komplexe Moleküle entstehen, die dann auf Planeten und Monde herab regnen und dort die Entstehung von Leben fördern.

Wissenschaft aktuell: Wo im Sonnensystem sind die Chancen am größten, auf Leben zu stoßen?

Schulze-Makuch: Auf Mars und auf dem Saturnmond Titan. Allerdings könnte das Leben auf dem Mars mit dem Leben auf der Erde verwandt sein. Denn Bakterien können in Meteoriten überleben und so von der Erde zum Mars - oder auch umgekehrt - reisen. Im Gegensatz zum Mars ist Titan exotisch: Es ist dort extrem kalt, es gibt Seen aus Methan und Ethan, Methanregen und Eis-Geysire. Wenn es dort Leben gibt, müsste es deshalb völlig anders sein als auf der Erde. Und das ist das Faszinierende: Wir könnten dort einen zweiten, völlig separaten Ursprung des Lebens entdecken.

Wissenschaft aktuell: Führt die Evolution zwangsläufig zu komplexen und schließlich intelligenten Lebensformen?

Schulze-Makuch: Sicherlich nicht. Auf der Erde gibt es seit rund vier Milliarden Jahren Leben - vielzellige Lebensformen aber erst seit etwa 600 Millionen Jahren. Über eine lange Zeit gab es also nur primitives Leben auf der Erde und auch heute dominieren nach Anzahl und Biomasse immer noch die einzelligen Bakterien! Nur eine einzige Lebensform hat sich so weit entwickelt, dass sie mit der Erforschung des Kosmos beginnt. Auf den meisten Planeten und Monden, auf denen es Leben gibt, kommt dieses Leben vermutlich nie über das einzellige Stadium hinaus. 

Wissenschaft aktuell: Müsste es nicht im Kosmos Lebensformen geben, die uns Jahrmilliarden voraus sind?

Schulze-Makuch: Das ist zu vermuten, denn viele Sterne und ihre Planeten sind viel älter als unser Sonnensystem. Es könnte dort also Lebensformen geben, die schon mehrere Milliarden Jahre vor der Erde entstanden sind. Und wenn wir uns anschauen, welchen Unterschied nur 100 Jahre in unserer technischen Entwicklung machen, dann können wir uns einen Unterschied von Jahrmillionen oder Jahrmilliarden kaum noch vorstellen. Alles, was solche Lebensformen machen, erscheint uns wahrscheinlich wie Magie.

Wissenschaft aktuell: Warum sehen wir dann im Kosmos keine Spuren solcher weit entwickelten Wesen?

Schulze-Makuch: Es ist einfach extrem unwahrscheinlich, dass es in unserer näheren kosmischen Umgebung eine Zivilisation auf einem ähnlichen technischen Niveau wie der unseren gibt. Und Zivilisationen, die viel weiter entwickelt sind als wir, haben entweder kein Interesse mehr daran, mit - aus ihrer Sicht - so primitiven Lebensformen wie uns zu kommunizieren oder wir können sie nicht einmal mehr als Lebensformen wahrnehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass fortschrittliche Zivilisationen sehr spirituell sind, vielleicht sogar losgelöst von Materie existieren, in einer für uns nicht fassbaren Form.   


Das Interview führte unser Redakteur Rainer Kayser.






 

 

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