"Fremdsprache" auch bei Schimpansen

Wenn sie neue Artgenossen kennenlernen, können die Primaten ihre bedeutungsvollen Grunzlaute mit der Zeit anpassen, um mehr wie ihre Gruppenmitglieder zu klingen
Schimpansen können die Struktur ihrer bedeutungsvollen Grunzlaute ändern.
Schimpansen können die Struktur ihrer bedeutungsvollen Grunzlaute ändern.
© Florian Möllers / Katie Slocombe
York (Großbritannien) - Schimpansen können quasi Fremdsprachen lernen. Innerhalb ihrer Gruppe nutzen die Primaten bestimmte Grunzlaute, um Objekte zu bezeichnen – etwa Nahrungsmittel wie einen Apfel. Wenn sie auf fremde Artgenossen einer anderen Gruppe treffen und mit ihnen fortan zusammenleben, sind sie in der Lage, diese bedeutungsvollen Laute mit der Zeit anzupassen. Das haben britische Psychologen gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz bei zwei Schimpansengruppen im Edinburgher Zoo beobachtet, von denen eine angestammt und die andere aus den Niederlanden hinzugekommen war. Die Studie, über die die Forscher im Fachblatt „Current Biology“ berichten, zeigt: Die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe von Sprache – also durch sozial erlernte Symbole – auf Objekte in der Umgebung hinzuweisen, ist nicht einzigartig.

„Wir denken, dass es ziemlich einfach zu hören ist, wie die zwei Gruppen 2010 noch auf unterschiedliche Weise nach Äpfeln verlangten und wie die Niederländer ihre Grunzlaute bis 2013 so veränderten, dass sie mehr nach den Edinburghern klangen“, erläutert Stuart Watson von der University of York. Die Psychologen hatten bei erwachsenen Schimpansen im Edinburgher Zoo nicht nur besonders genau hingehört, sondern sogar die akustische Struktur von Grunzlauten zur Bezeichnung von Futter analysiert. Sie zeichneten dazu jene Töne auf, die die Tiere angesichts eines Apfels von sich geben. Dies machten die Forscher, bevor eine Gruppe von sieben Schimpansen aus einem Niederländischen Safari Park zu einer Gruppe von sechs Edinburgher Schimpansen hinzugekommen war, sowie ein und drei Jahre danach.

Im Laufe der drei Jahre hatten die Schimpansen aus den Niederlanden ihre Apfel-Grunzer denen der Edinburgher Artgenossen angeglichen. Die Forscher schreiben, dies sei der erste Beweis dafür, dass ein Tier die Struktur einer bedeutungsvollen Lautäußerung aktiv von Artgenossen lernt und modifiziert. „Unsere Studie zeigt, dass die Futterrufe von Schimpansen in ihrer Struktur nicht fixiert sind“, erklärt Watsons Kollegin Katie Slocombe. „Schimpansen können, wenn sie einer neuen sozialen Gruppe gegenüber stehen, ihre Rufe verändern, um mehr wie ihre Gruppenmitglieder zu klingen.“

Bisher gingen Forscher davon aus, dass die akustische Struktur von Schimpansenrufen festgelegt ist und höchstens durch den Grad der Erregung eines Individuums beeinflusst wird. Dass die Tiere ihre Lautäußerungen scheinbar nicht flexibel kontrollieren können, galt als einer der entscheidenden Unterschiede zur menschlichen Sprache. Die Beobachtungen von Watson und Kollegen zeigen nun, dass dies sehr wohl der Fall sein kann und Schimpansen sich aktiv anpassen und sozial von Artgenossen lernen können – ähnlich wie auch der Mensch neue Wörter erfasst, etwa wenn er eine Fremdsprache erlernt. Die Natur sozial erlernter bedeutungsvoller Wörter sei demnach wahrscheinlich uralten Ursprungs.

© Wissenschaft aktuell


 

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