Wo im Gehirn sitzt die Persönlichkeit?

Das unterschiedliche Denken und Verhalten von Menschen spiegelt sich in der verschieden starken Aktivität bestimmter Hirnareale wider
Eine Vielzahl von Hirnarealen ist im Ruhezustand bei jedem Menschen unterschiedlich aktiv. Die orangen Bereiche zeigen jene Regionen mit besonders starken interindividuellen Differenzen
Eine Vielzahl von Hirnarealen ist im Ruhezustand bei jedem Menschen unterschiedlich aktiv. Die orangen Bereiche zeigen jene Regionen mit besonders starken interindividuellen Differenzen
© Neuron, Mueller et al.
Charlestown (USA) - Mit der Frage, warum Menschen verschieden denken und handeln, haben sich in der Geschichte diverse Wissenschaften immer wieder auseinandergesetzt. Zumindest aus neurobiologischer Perspektive gibt es jetzt eine Antwort: Die Verschiedenheit zwischen den Individuen spiegelt sich in den Verknüpfungen von Gehirnregionen wider, so das Ergebnis einer Studie, die amerikanische Forscher im Fachjournal „Neuron“ veröffentlicht haben. Die Wissenschaftler konnten exakt jene Hirnregionen bestimmen, in denen individuelle Unterschiede zu beobachten sind. Besonders große Differenzen ließen sich vor allem in jenen Hirnarealen erkennen, die für das Speichern und Verarbeiten neuer Informationen zuständig sind. Ähnlich waren sich hingegen die für die erste Wahrnehmung von Sinneseindrücken relevanten Hirnbereiche.

„Wenn wir die Bandbreite der individuellen Variabilität des menschlichen Gehirns begreifen, können wir in Zukunft womöglich auch jene Hirnregionen bestimmen, die abnormale Schaltkreise aufbauen könnten“, sagt Hesheng Liu vom Massachusetts General Hospital. Bei zahlreichen neuropsychiatrischen Störungen sind ungewöhnliche neuronale Schaltkreise zu beobachten. Dagegen könnten bald, basierend auf den Erkenntnissen von Lius Team, neue Behandlungsmethoden entwickelt werden, so die Hoffnung der Forscher.

Für ihre Studie hatten Liu und seine Kollegen eine Gruppe von 23 gesunden Personen fünf Mal pro Tag über einen Zeitraum von sechs Monaten untersucht. Die interindividuellen Unterschiede der Vernetzung von Hirnregionen machten die Forscher mit einer Technik sichtbar, bei der die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) die im Hirn ablaufenden Prozesse im Ruhezustand abbildet. Mithilfe dieser Methode kann die Aktivität des Gehirns auch dann bestimmt werden, wenn es gerade keine von außen initiierte Aufgabe bearbeitet. Weil die verschiedenen Hirnareale auch in diesem Zustand interagieren, ändert sich die Durchblutung stetig. Über die Schwankungen des Sauerstoffgehalts im Blut ist es folglich möglich, die Vernetzung des Gehirns sichtbar machen. Wie sich herausstellte, waren die Aktivitätsmuster bei allen Versuchspersonen unterschiedlich, und zwar insbesondere in den für Kontrolle und Aufmerksamkeit fundamental wichtigen Arealen.

Auffällige Unterschiede ließen sich zudem in jenen Bereichen des Gehirns beobachten, die sich im Laufe der Evolution stark vergrößert haben. Dazu gehören der Assoziationskortex inklusive des lateralen präfrontalen Hirnlappens sowie die Verbindungsstelle zwischen dem Temporal- und Schläfenlappen der Großhirnrinde. Diese Hirnregionen haben sich entwicklungsgeschichtlich betrachtet besonders spät herausgebildet und sind essentiell für komplexe kognitive Funktionen wie das logische Denken und die Sprache. Nach Meinung der Forscher könnten daraus neue Hinweise für die Entwicklungsweg des Gehirns im Laufe der Evolution gewonnen werden: „Diese Studie weist auch auf eine Verbindung zwischen der Unterschiedlichkeit menschlicher Fähigkeiten und der entwicklungsgeschichtlichen Ausweitung bestimmter Hirnsektionen hin“, so Liu.

© Wissenschaft aktuell


 

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