Wie Würgeschlangen töten

Eine Boa constrictor erstickt eine umschlungene Ratte nicht, sondern blockiert ihren Blutkreislauf und führt so einen Herzstillstand herbei
Die Abgottschlange (Boa constrictor) wird ein bis drei Meter lang.
Die Abgottschlange (Boa constrictor) wird ein bis drei Meter lang.
© Scott Boback, Dickinson College, Carlisle
Carlisle (USA) - Ein Säugetier, das zur Beute einer Boa wird, stirbt nicht durch langsames Ersticken. Indem die Riesenschlange ihr Opfer umschlingt und würgt, blockiert sie vielmehr dessen Blutkreislauf, so dass das Tier bereits nach wenigen Sekunden bewusstlos wird und schließlich einen Herzstillstand erleidet. Das schließen amerikanische Biologen aus ihren Experimenten mit narkotisierten Ratten, wie sie im „Journal of Experimental Biology” berichten. Damit bestätigen sie erstmals eine Vermutung, nach der nicht Atemnot, sondern der Zusammenbruch des Herz-Kreislaufsystems den Tod der Beute herbeiführt.

„Wir wollten sichergehen, dass die Ratten keine Schmerzen haben und nicht leiden müssen“, betont Scott Boback vom Dickinson College in Carlisle. Zur Erforschung der Fangtechnik von Würgeschlangen hatte seine Arbeitsgruppe den Schlangen zunächst tote Tiere angeboten. Um aber klären zu können, wie das Opfer getötet wird, waren Messungen an lebenden Versuchstieren nötig. Dazu setzten die Forscher nun stark narkotisierte Ratten ein, die mit mehreren Messinstrumenten ausgestattet wurden. So konnten sie Blutdruckwerte, Elektrokardiogramme und Veränderungen der Blutchemie nach dem Angriff der Schlange ermitteln. Für die Experimente brachten sie jeweils eine so vorbereitete Ratte in die Nähe einer hungrigen Boa constrictor. Das löste einen schnellen Biss der Schlange in Kopf oder Schulter des Tieres aus, wodurch die Beute festgehalten wurde. Sofort danach wickelte sich der Schlangenleib um den Brustkorb der Ratte (Video: https://youtu.be/ZWYM0fScnXM). Mit jedem Ausatmen des gefangenen Tieres zog die Schlange die Schlinge fester zu und erreichte nach sechs Sekunden den maximalen Druck. Nach durchschnittlich 6,5 Minuten löste sich der Würgegriff wieder. In früheren Untersuchungen konnten dieselben Forscher bereits zeigen, dass die Boa während des Würgens den Herzschlag der Beute registriert und Dauer sowie Stärke des Würgedrucks daran anpasst.

Schon vor 20 Jahren hatten andere Biologen aus Beobachtungen geschlossen, dass ein Herzstillstand als Todesursache des Beutetieres wahrscheinlicher wäre als Ersticken. Genau das konnten Boback und seine Kollegen jetzt erstmals auch direkt nachweisen. In überraschend kurzer Zeit, innerhalb von sechs Sekunden nach dem Biss, sank der arterielle Blutdruck der Ratte auf die Hälfte und der sogenannte zentrale Venendruck erhöhte sich auf das Sechsfache. Offenbar war der Rückfluss von venösem Blut zum Herzen blockiert. Nach einer Minute hatte sich die Herzschlagfrequenz fast auf die Hälfte verringert und sank danach immer weiter ab. Der starke Druck auf den Brustkorb erschwerte zusätzlich das Atmen und beschleunigte den Anstieg des Kohlendioxidgehalts im Blut, so dass der pH-Wert von 7,4 auf 7,0 absank. Die fortschreitend verringerte Durchblutung lebenswichtiger Organe wie Gehirn, Herz und Leber führte schließlich zu einem tödlichen Sauerstoffmangel in diesen Geweben.

Die mit Ratten erzielten Resultate lassen sich nicht auf Reptilien und Amphibien übertragen, schreiben die Forscher. Denn diese nicht warmblütigen Tiere haben ein anderes Kreislaufsystem und können Sauerstoffmangel viel besser überstehen. Entweder müssen die Schlangen solche Beute deutlich länger im Würgegriff halten, bis sie tot sind, oder sie wird lebend gefressen. Die neuen Ergebnisse würden auch helfen, die Evolution der Würgeschlangen besser zu verstehen, sagt Boback. Ursprünglich konnten Schlangen, die keine Giftdrüsen entwickelten, nur kleine Beutetiere überwältigen. Erst eine perfektionierte Würgetechnik habe es den Vorläufern der Boas dann ermöglicht, auch Tiere zu töten, die größer waren als sie selbst.

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