Wie Angst die Wahrnehmung verzerrt

Furcht veändert den räumlichen Eindruck der Umgebung und scheint Objekte näher heran zu rücken
Atlanta (USA)/London (Großbritannien) - Wer Angst vor Schlangen hat, sieht sie näher, als sie wirklich sind. Dasselbe gilt für Spinnen oder jedes andere Objekt der Furcht, berichten jetzt britische und US-amerikanische Forscher: Angst verändert die räumliche Wahrnehmung und führt dazu, Abstände zu unterschätzen. Das kann bei tatsächlichen Bedrohungen nur nützlich sein – denn wer früher wegläuft, wird eher überleben. Doch dass die Angst tatsächlich Einschätzungen verzerrt, wurde bislang ignoriert, berichteten die Forscher kürzlich im Fachblatt Current Biology. Die neuen Erkenntnisse könnten das Verständnis klinischer Phobien verändern.

„Angst kann sogar grundlegende Aspekte der Wahrnehmung verändern. Die Art des Objektes beeinflusst, wie wir sein Näherkommen einschätzen“, berichtet Stella Lourenco, Psychologin an der Emory University. Gemeinsam mit Kollegen der Birkbeck, University of London, hatte sie die Auswirkungen von Angstvorstellungen und Phobien näher untersucht. In ihrem Experiment betrachteten die Testpersonen einzelne Objekte auf einem Bildschirm, die über eine Sekunde lang immer größer wurden – sich also scheinbar auf sie zu bewegten. Die Probanden sollten per Knopfdruck melden, wann dieses Objekt vermutlich bei ihnen angekommen wäre, im Schnitt zwischen drei und fünf Sekunden.

Es zeigte sich deutlich: Je mehr sich jemand etwa vor Spinnen fürchtete, desto stärker unterschätzten sie die Zeit bis zum vermuteten Auftreffen der Spinne. Bei nicht bedrohlichen Bilder wie von Schmetterlingen oder Kaninchen lagen sie mit ihrer Schätzung hingegen recht korrekt. Denn normalerweise besitzen Erwachsene einen gut entwickelten Sinn dafür, wann Objekte, die sich auf sie zubewegen, bei ihnen eintreffen werden. Furcht verändert diese Einschätzung, allerdings sind die Details noch unklar: Lässt die Angst ein Objekt sich scheinbar schneller bewegen? Oder erweitert sie den Sinn für die persönliche Distanzzone, die in westlichen Gesellschaften rund eine Armlänge beträgt?

Das will das Team künftig näher untersuchen, um einzelne Mechanismen von räumlicher Wahrnehmung und Phobien besser zu verstehen. Am verblüffendsten an ihrer Studie war aber, so Lourenco, dass sich an der Stärke der Angst recht genau vorhersagen ließ, wie sehr sich eine Testperson verschätzen würde: „Je mehr sich jemand zum Beispiel vor Spinnen fürchtete, desto mehr unterschätzte er die Zeit bis zum Auftreffen der näherkommenden Spinne.“

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Quelle: „Threat modulates perception of looming visual stimuli“, Eleonora Vagnoni, Stella F. Lourenco, Matthew R. Longo; Current Biology, DOI:10.1016/j.cub.2012.07.053


 

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