Warum für die Gruppe sterben?

Gemeinsam erlebte schreckliche Erfahrungen schweißen zusammen und verstärken die Bereitschaft, sein Leben für andere, auch nicht verwandte Mitglieder der Gemeinschaft zu opfern
Soldaten, die große Gefahren gemeinsam überstanden haben, identifizieren sich völlig mit ihrer Gruppe und zeigen extreme Opferbereitschaft.
Soldaten, die große Gefahren gemeinsam überstanden haben, identifizieren sich völlig mit ihrer Gruppe und zeigen extreme Opferbereitschaft.
© skeeze / pixabay.com, CC0 1.0 Universell (CC0 1.0), https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
Knoxville (USA) - Als soziales Lebewesen war es schon für den frühen Menschen überlebenswichtig, einer Gruppe anzugehören. Kooperatives Verhalten – nicht nur gegenüber Verwandten, sondern zum Nutzen der gesamten Gemeinschaft – erwies sich im Lauf der Evolution als äußerst vorteilhaft. Doch der Opfertod zum Wohl von nicht verwandten Gruppenmitgliedern ist ein menschliches Verhalten, das durch Mechanismen der Evolution bisher nicht zu erklären war. Jetzt hat ein internationales Forscherteam mit Hilfe mathematischer Modelle herausgefunden, dass dazu ein zusätzlicher Faktor herangezogen werden muss. Demnach führen gemeinsam erlebte schmerzliche Erfahrungen zu einer starken Identifikation des Einzelnen mit seiner Gruppe und als Folge davon zu einer extremen Opferbereitschaft. Mehrere aus dem Modell abgeleitete Zusammenhänge bestätigten sich durch Studien mit Vietnamkriegsveteranen, Burschenschaftern, Fußballfans und anderen Gruppen. Die Bereitschaft, für eine Gemeinschaft zu kämpfen und zu sterben, könnte demnach sehr wohl durch natürliche Evolution unseres Verhaltens und nicht erst durch kulturelle Einflüsse entstanden sein, schreiben die Anthropologen und Psychologen im Fachblatt „Scientific Reports“. Ihre Schlussfolgerungen würden auch helfen, das Verhalten von Selbstmordattentätern, gewaltbereiten Sektierern oder Mitgliedern von Verbrecherorganisationen zu erklären.

„Unsere Studie präsentiert einen neuen, bisher unterschätzten, aber sehr mächtigen Mechanismus für die Evolution von kooperativem Verhalten“, sagt Sergey Gavrilets von der University of Tennessee in Knoxville. „Gemeinsam überstandene negative Erfahrungen können bewirken, dass sich Individuen einander sogar enger verbunden fühlen als Brüder.“ Die von den Forschern mathematisch simulierten Evolutionsabläufe sollten die Lebensbedingungen der Menschen vor einigen zehntausend Jahren widerspiegeln. Die Gruppen von Jägern und Sammlern waren unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt, die ihre Existenz bedrohten. Dazu zählten zum einen sich ändernde Umweltbedingungen, zum anderen feindliche Menschengruppen, mit denen sie um Lebensraum und Nahrung konkurrierten. In dieser Situation war aufopferndes Verhalten, um das Überleben der ganzen Gruppe zu sichern, wichtiger als die näherliegende Unterstützung von Verwandten. In ihrem Modell gingen die Forscher von einer Population von Menschen aus, die in mehreren gleich großen Verbänden lebten. Eine Aktion der einzelnen Gemeinschaften, woran sich die jeweiligen Mitglieder in unterschiedlicher Weise beteiligten, hatte über mehrere Generationen hinweg unterschiedliche Konsequenzen für das Überleben jeder Gruppe.

Nach der Erfahrung gemeinsam erlebter Not erwies sich bei großer Bedrohung ein Verhalten zum Nutzen der Gruppe als vorteilhaft, das auch den Opfertod von Individuen in Kauf nahm. Voraussetzung dafür war, dass sich die Mitglieder voll und ganz mit der Gemeinschaft identifizierten. Nur dann waren sie zu einem extrem gesteigerten kooperativen Verhalten bereit. Dieses Verhaltensmerkmal findet sich unter bestimmten Voraussetzungen auch noch beim heutigen Homo sapiens. Stark patriotisch gesinnte Menschen, Soldaten eines Einsatztrupps oder fundamentalistische Religionsgemeinschaften empfinden die Bedrohung ihrer Gruppe als Bedrohung ihres eigenen Lebens, so dass die Verteidigung der Gruppe zur Selbstverteidigung wird. Einzelne Aussagen ihres Modells bestätigten die Forscher in acht Einzelstudien, unter anderem mit nationalistisch eingestellten US-Amerikanern, Fans eines englischen Fußballvereins, Kriegsveteranen und Mitgliedern einer Kampfsportgruppe. Weitere Studien seien nötig, um die Hypothesen zu überprüfen. So wäre beispielsweise zu erwarten, dass die totale Identifizierung mit seiner Gruppe umso stärker sein müsste, je kleiner die Mitgliederzahl ist. Zukünftige Untersuchungen, so die Autoren, sollten auch die im Modell bisher nicht berücksichtigten kulturellen Einflüsse wie die Tradition bestimmter Verhaltensweisen einbeziehen.

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