Vorliebe für große Männer – Relikt aus alten Zeiten?

Die Körpergröße des Mannes hängt - zumindest in westlichen Industrieländern - nicht mit der Qualität seines Immunsystems und damit nicht mit seiner biologischen Fitness zusammen
Warum sind große Männer attraktiv?
Warum sind große Männer attraktiv?
© geralt / pixabay.com, CC0 1.0 Universell (CC0 1.0), https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
Breslau (Polen) - Große Männer wirken auf Frauen attraktiver als kleine. Sie haben mehr Sexualpartner, bleiben seltener kinderlos, heiraten früher – und öfter. Die Evolutionstheorie könnte das damit erklären, dass eine überdurchschnittliche Körpergröße ein Merkmal für große biologische Fitness ist. Demnach müssten große Männer auch über ein besseres Immunsystem verfügen, so dass sie Krankheitserreger effektiver abwehren können. Den Ergebnissen einer polnischen Studie zufolge ist das aber nicht der Fall. Es ergab sich kein Zusammenhang zwischen Körpergröße und mehreren überprüften Funktionen des angeborenen und erworbenen Immunsystems, berichten die Forscher im Fachblatt „Proceedings of the Royal Society B“. Doch möglicherweise hätte die gleiche Studie andere Resultate erzielt, wenn sie in Entwicklungsländern durchgeführt worden wäre, in denen die Gesundheit der Bevölkerung stärker als in Europa durch Infektionskrankheiten bedroht ist.

„Weil das Immunsystem eine der für das Überleben wichtigsten Funktionen hat, ist es auch ein wichtiges Merkmal der biologischen Fitness“, schreiben die Wissenschaftler um Judyta Nowak von der Universität Breslau. In ihrer Studie untersuchten sie, ob größere Männer effektivere Immunfunktionen haben, die letztlich auf besseren Genen beruhen. Es beteiligten sich 96 gesunde junge Männer aus Breslau und Umgebung. Zum Vergleich wurden auch 97 gleichaltrige Frauen als Testpersonen in die Studie aufgenommen. Zur Bewertung der Qualität des angeborenen Immunsystems prüften die Forscher die Funktion des Komplementsystems und der neutrophilen Granulozyten sowie die Produktion reaktiver Sauerstoffverbindungen. Messwerte zur Effizienz des erworbenen Immunsystems ergaben sich aus der Zahl verschiedener Lymphozyten und dem Gehalt an Antikörpern im Blut sowie aus der Stärke der Immunantwort nach einer Grippe- und Tetanusimpfung.

Die statistische Auswertung aller Daten lieferte keine Hinweise auf eine Beziehung zwischen Körpergröße und Immunfunktionen. „Das könnte bedeuten, dass in westlichen Industrieländern die Vorliebe von Frauen für große Männer nicht mit ‚guten Immungenen‘ zusammenhängt“, schreiben die Autoren. Andere Studien hätten aber gezeigt, dass sich häufige infektiöse Erkrankungen in der Kindheit negativ auf das Körperwachstum auswirken. In Ländern mit geringem Hygienestandard und schlechter medizinischer Versorgung erkranken Kinder mit schwachem Immunsystem häufiger durch bakterielle und virale Erreger oder Parasiten. Diese Belastung erfordert einen erhöhten Aufwand an Energie, was der Organismus durch geringeres Wachstum ausgleichen könnte. Unter diesen Bedingungen wäre dann die Körpergröße tatsächlich ein Erkennungsmerkmal für gesunde Gene. Die Attraktivität großer Männer könnte also ein Relikt der Evolution sein, das für Menschen heutiger Industriestaaten seine biologische Bedeutung verloren hat. Um diese Hypothese zu bestätigen, so die Forscher, seien nun Studien in Ländern mit unterschiedlichen Lebensstandards nötig.

© Wissenschaft aktuell


 

Home | Über uns | Kontakt | AGB | Impressum
© Wissenschaft aktuell & Scientec Internet Applications + Media GmbH, Hamburg