Tarnen oder Warnen? – Wie Raupen überleben

Auffallende Warnfärbung ist dann keine gute Abwehrstrategie, wenn unerfahrene Jungvögel auf Nahrungssuche gehen
Die Raupe des Lattich-Mönchs (Cucullia lactucae) präsentiert eine kräftige Warnfärbung.
Die Raupe des Lattich-Mönchs (Cucullia lactucae) präsentiert eine kräftige Warnfärbung.
© Kimmo Silvonen
Jyväskylä (Finnland) - Schmetterlingsraupen haben zwei ganz entgegengesetzte Strategien entwickelt, um nicht zur Beute von Vögeln zu werden. Einige Arten machen sich durch eine Tarnfärbung unsichtbar, andere präsentieren besonders auffällige Körperfarben, die Ungenießbarkeit signalisieren. Eine Warnfärbung erfüllt ihren Zweck allerdings nur dann, wenn der Räuber auch weiß, was dieses Signal bedeutet. Unerfahrene Jungvögel müssen das erst lernen. Wenn also in den Sommerwochen eine große Zahl insektenfressender Singvögel flügge wird, schadet eine gut sichtbare Körperfärbung den Raupen mehr als sie nutzt. Tatsächlich finden sich stark gefärbte Raupen viel häufiger im Frühling und Spätsommer, während dazwischen Larvenarten mit Tarnfärbung überwiegen, berichten finnische Forscher im Fachblatt „Nature Communications”. Ein Freilandexperiment mit Raupenattrappen unterschiedlicher Färbung bestätigte, dass es für eine Schmetterlingsart vorteilhaft ist, eine Überlebensstrategie zu wählen, die dem Verlauf der Vogelbrutsaison angepasst ist.

„Unsere Ergebnisse zeigen die ökologischen Risiken, die mit einer Warnfärbung als Verteidigungsstrategie verbunden sind“, schreiben Johanna Mappes von der University of Jyväskylä und ihre Kollegen. Die Daten würden auch erklären, warum nur ein kleiner Anteil aller Schmetterlingsarten diese Strategie einsetzt. Nur fünf Prozent aller 688 in Finnland vorkommenden Arten entwickeln Raupen mit starker Warnfärbung. Diese fanden die Biologen überwiegend im Mai und Juni und dann wieder ab Ende Juli. In der Zeit dazwischen dominierten unscheinbar gefärbte Raupen. Dabei ergab sich eine zeitliche Beziehung zur Brutperiode von finnischen Singvögeln: Anfang Juli ist die größte Zahl an unerfahrenen Jungvögeln auf Nahrungssuche – und trifft dann kaum auf auffällig gefärbte Raupen.

Die Forscher bestätigten ihre Schlussfolgerungen durch ein Experiment, für das sie aus Knetmasse geformte Attrappen von Raupen einsetzten. Diese waren entweder ganz schwarz oder zusätzlich mit einem orangen Farbfleck ausgestattet – stellvertretend für Tiere mit Tarn- oder Warnfärbung. Ein vergleichbares natürliches Warnsignal zeigt die Raupe eines Nachtfalters, des Wegerichbärs (Parasemia plantaginis). Von Mitte Mai bis Mitte August – also vor, während und nach der Brutperiode finnischer Singvögel – befestigten die Biologen mehr als tausend Attrappen an Zweigen von Sträuchern. Nach jeweils fünf Tagen kontrollierten sie, wie häufig die künstlichen Raupen von Vögeln attackiert worden waren, indem sie Spuren von Schnabelhieben zählten. In der frühen und späten Phase der Brutsaison war die Angriffsrate auf die gefärbten Attrappen geringer als auf die nicht gefärbten. In diesen Zeiten waren nur erfahrene Altvögel und junge Vögel mit ersten unangenehmen Erfahrungen unterwegs. In der mittleren Phase dagegen hatten es offenbar viele unerfahrene Jungvögel besonders auf die auffällig gefärbten Exemplare abgesehen, so dass schwarze Raupen weniger angegriffen wurden. Eine nach der Brutzeit der Vögel veränderte Beziehung zwischen Räuber und Beute liefert demnach eine Erklärung dafür, warum verschiedene Schmetterlingsarten im Lauf der Evolution zwei unterschiedliche Schutzstrategien für ihre Larven entwickelt haben.

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