Straßenverkehr erhöht Demenzrisiko

Das Leben in der Nähe stark befahrener Straßen steigert die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken – nicht aber an Parkinson oder Multipler Sklerose
Das Leben in der Nähe stark befahrener Straßen erhöht das Demenzrisiko.
Das Leben in der Nähe stark befahrener Straßen erhöht das Demenzrisiko.
© Public Health Ontario and the Institute for Clinical Evaluative Sciences
Toronto (Kanada) - Wer in der Nähe verkehrsreicher Straßen wohnt, hat ein erhöhtes Demenzrisiko. Für andere neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose besteht ein solcher Zusammenhang nicht. Das ergab eine Studie, die Daten nahezu aller erwachsenen Bewohner der bevölkerungsreichsten kanadischen Provinz Ontario erfasste. Für Menschen, deren Wohnung nicht mehr als 50 Meter von einer Straße mit hohem Verkehrsaufkommen entfernt war, stieg das Risiko einer Demenzerkrankung innerhalb von elf Jahren um sieben Prozent, verglichen mit denjenigen, die mindestens 300 Meter weiter weg wohnten. Als auslösender Faktor spielt der erhöhte Gehalt an Stickstoffdioxid und Feinstaub in der Luft eine große Rolle, reicht aber zur Erklärung nicht aus, berichten die Forscher im Fachblatt „The Lancet“.

„Unsere Studie weist darauf hin, dass Bestandteile verschmutzter Luft über den Blutstrom ins Gehirn gelangen und neurologische Störungen auslösen können“, sagt Ray Copes von der University of Toronto, einer der beteiligten Forscher. Frühere Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass sich bei Menschen, die ständig einer starken Luftverschmutzung durch Autoverkehr ausgesetzt sind, Entzündungsprozesse des Nervensystems verstärken. Diese könnten kognitive Leistungen des Gehirns schwächen. Für die bisher größte Studie dieser Art teilten die Wissenschaftler die erwachsene Bevölkerung Ontarios in zwei Gruppen ein. Die eine bestand aus 4,4 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren, die andere aus 2,2 Millionen 55- bis 85-Jährigen. In der Zeit von 2001 bis 2012 wurden in der Gruppe der Jüngeren sämtliche registrierten Neuerkrankungen an Multipler Sklerose und in der Gruppe der Älteren sämtliche neuen Fälle von Demenz und Parkinson erfasst. Die Postleitzahl des Wohnortes gab Aufschluss darüber, in welcher Entfernung von der nächsten Hauptverkehrsstraße jeder Einzelne wohnte.

Im Untersuchungszeitraum erkrankten etwa 243.600 Menschen an einer Demenz, 31.600 an Parkinson und 9.200 an Multipler Sklerose. Bei einer Entfernung zwischen Wohnung und Straße von bis zu 50 Metern war das Demenzrisiko um sieben Prozent, bei 50 bis 100 Metern noch um vier Prozent höher als bei einem Abstand von mehr als 300 Metern. Dieser Zusammenhang war für die Bewohner großer Städte und für Leute, die nie umgezogen waren, besonders stark ausgeprägt. Es bestand keine statistische Beziehung zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Parkinson oder Multipler Sklerose und dem Abstand zwischen Wohnung und Straße. Wenn auch die genauen Auslöser einer Demenz noch nicht bekannt sind und auch keine Heilung möglich ist, zeigt diese Studie doch, wie sich das Krankheitsrisiko verringern ließe. Da große Teile der Bevölkerung von Luftverschmutzung durch Straßenverkehr betroffen sind, wären entsprechende Schutzmaßnahmen von großer Bedeutung für die öffentliche Gesundheit, sagt Hong Chen vom Institute for Clinical Evaluative Sciences in Toronto, der Leiter des Forscherteams. Die Ergebnisse seiner Studie seien wahrscheinlich übertragbar auf andere Regionen in den USA und Europa.

Neben Luftschadstoffen wie Ozon, Stickoxiden und Feinstaubpartikeln könnte auch die Lärmbelastung in Straßennähe Hirnfunktionen beeinträchtigen – unter anderem durch Schlafstörungen. Eine separate Auswertung der Luftdaten für den Gehalt an Stickstoffdioxid und Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer ergab, dass hohe Messwerte nur dieser beiden Schadstoffe bereits einen großen Teil des erhöhten Demenzrisikos erklären. Weitere Faktoren müssten noch identifiziert und die Wirkmechanismen erforscht werden.

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