Sicherheitsdenken bei Kohlmeisen

Ängstliche und mutige Typen: Beim Brüten sind die einen mehr auf die eigene Sicherheit bedacht, während die anderen bei drohender Gefahr eher Risiken in Kauf nehmen, um die Brut zu retten
Bei Gefahr lassen ängstliche Kohlmeisen ihre Brut eher im Stich als mutige.
Bei Gefahr lassen ängstliche Kohlmeisen ihre Brut eher im Stich als mutige.
© Nicole Milligan / Biology Letters
Oxford (Großbritannien) - Furchtloses und ängstliches Verhalten sind zwei gegensätzliche stabile Persönlichkeitsmerkmale, die es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei vielen Tierarten gibt. Verschiedene Theorien versuchen zu erklären, warum in einer Population statt eines Mischtyps immer beide Persönlichkeitstypen vorkommen. Eine dieser Theorien konnte ein britisch-irisches Forscherteam jetzt durch Beobachtungen brütender Kohlmeisen bestätigen. Die frei lebenden Vögel verfolgten als Reaktion auf eine Bedrohung in der Nähe ihres Nestes unterschiedliche biologisch sinnvolle Strategien: Die Mutigen brüteten nach nur kurzer Unterbrechung weiter – ihnen war die Brut wichtiger als die eigene Sicherheit. Die Ängstlichen dagegen ließen ihre Eier längere Zeit im Stich, um das eigene Leben nicht zu gefährden, berichten die Biologen im Fachblatt „Biology Letters”. Zusammen könnten beide Verhaltensweisen dazu beitragen, den Bestand einer Population zu sichern.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Persönlichkeit eine große Bedeutung für die Strategie des Risikomanagements bei Tieren hat“, schreiben Ella Cole von der University of Oxford und John Quinn vom University College Cork. In Freilandexperimenten untersuchten sie das Verhalten von Kohlmeisen während der Brutzeit. Im Winter zuvor hatten sie Weibchen eingefangen und in einer Forschungsstation mit Fußringen und Funkchips markiert. Am nächsten Tag wurde die Reaktion jedes einzelnen Vogels auf eine veränderte Umgebung registriert. Dieser standardisierte Test erlaubt eine zuverlässige Einteilung in mutige und ängstliche Typen, je nachdem wie schnell die neue Umwelt erforscht und akzeptiert wird. Alle Vögel erhielten nach einem Tag ihre Freiheit wieder.

Im nächsten Frühjahr spürten die Forscher mit einem Detektor 43 markierte Weibchen in ihren Nistkästen auf. Am 9. oder 10. Tag nach der Eiablage befestigten sie am Kasten ein flaggenförmiges Schild, das schwarze Punkte auf einer weißen Fläche zeigte. Dann veranlassten sie den brütenden Vogel, das Nest zu verlassen. Eine in zehn Meter Entfernung installierte Videokamera zeichnete 40 Minuten lang auf, ob und wann die Meise zurückkehrte. Als Kontrolle dienten Nistkästen ohne Fremdkörper. Das fremde Objekt signalisierte den Vögeln eine unbekannte Gefahr.

Normalerweise verlässt das Weibchen die Eier während des Brütens nur für zehn Minuten, um sich Nahrung zu suchen. Das Schild bewirkte, dass 90 Prozent der Vögel dem Nest länger fernblieben. Neun Meisen kehrten erst nach mehr als 40 Minuten zurück. Die Ergebnisse der winterlichen Labortests sagten das Verhalten der Meisen sehr gut voraus: Die Mutigen setzten das Brutgeschäft meist viel früher fort als die Ängstlichen. Eine Wiederholung der Experimente am folgenden Tag lieferte dieselben Resultate.

Je kürzer die Unterbrechungen beim Brüten sind, desto früher schlüpfen die Jungen und umso größer ist der Bruterfolg insgesamt. Ängstliche Vögel sind eher bereit, bei anhaltender Gefahr ihr Gelege ganz aufzugeben, um es dann später mit einer neuen Brut zu versuchen. Eine Mischung aus mutigen und ängstlichen Individuen stabilisiert also wahrscheinlich den längerfristigen Bestand einer Population, die von Zeit zu Zeit Gefahrensituationen ausgesetzt ist.

© Wissenschaft aktuell


 

Home | Über uns | Kontakt | AGB | Impressum
© Wissenschaft aktuell & Scientec Internet Applications + Media GmbH, Hamburg