Seitensprünge bei Kohlmeisen: Langschläfer haben das Nachsehen

Früheres Erwachen erhöht den Fortpflanzungserfolg der Männchen durch Fremdgehen und sorgt dafür, dass die eigene Brutpartnerin treu bleibt
Kohlmeisen leben in sozialer Monogamie – Seitensprünge gehören dazu.
Kohlmeisen leben in sozialer Monogamie – Seitensprünge gehören dazu.
© Shutterstock, Bild 73422547
Radolfzell - Männliche Kohlmeisen starten im Frühling in den Tag, indem sie sich als Sänger hervortun – und fremdgehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Frühaufsteher sind dabei im Vorteil: Sie zeugen mehr Nachkommen außerhalb ihrer Paarbeziehung und haben im eigenen Nest weniger Junge anderer Väter als die Langschläfer. Diese Ergebnisse erzielten Biologen durch Freilandexperimente, bei denen sie die innere Uhr einiger Vögel verstellten. Die sogenannte circadiane Uhr bringt ganz allgemein die Aktivitäten eines Lebewesens in Einklang mit dem Wechsel von Tag und Nacht. Erwachten die Meisenmännchen morgens leicht verspätet, wirkte sich das negativ auf ihre biologische Fitness aus, schreibt das internationale Forscherteam im Fachblatt „Functional Ecology”. Wie sich das aus Sicht der Weibchen darstellt, sollen weitere Untersuchungen zeigen.

„Unsere Resultate sprechen für einen möglichen Einfluss der sexuellen Selektion bei der Evolution tagesrhythmischer Merkmale“, sagt Timothy Greives von der North Dakota State University in Fargo. Zusammen mit Forschern aus vier europäischen Ländern experimentierte er mit Kohlmeisen, die auf einem Freigelände des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell nisteten. Die Biologen untersuchten, wie sich ein verzögerter Start in den Tag auf die biologische Fitness der Männchen auswirkt. Dazu implantierten sie einigen Tieren zwei bis drei Wochen vor Brutbeginn unter die Haut ein Depot des Schlafhormons Melatonin. Dieses wird normalerweise nur nachts aus der Zirbeldrüse im Zwischenhirn freigesetzt und unterstützt den regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Das Implantat sorgte für einen auch tagsüber hohen Melatoninspiegel und verzögerte bei den Meisen den Beginn ihrer Tagesaktivität um etwa zehn Minuten. Am sonstigen Verhalten der Vögel änderte sich nichts. Als Kontrolle dienten Kohlmeisenmännchen mit Placebo-Implantaten.

Bevor die Jungen in den einzelnen Nestern flügge wurden, entnahmen die Forscher Blutproben für Vaterschaftstests. Es stellte sich heraus, dass die früher erwachenden Männchen der Placebogruppe mehr Nachkommen mit anderen Weibchen gezeugt hatten als die Melatonin-behandelten Männchen. Außerdem fanden sich im Nest der Frühaufsteher weniger Junge von fremden Vätern. Der frühere Tagesbeginn begünstigte demnach das Fremdgehen und hielt andere Männchen von der eigenen Brutpartnerin fern. Möglicherweise schreckt ein sehr früh einsetzender Morgengesang männliche Rivalen stärker ab und wirkt besonders attraktiv auf die Weibchen in der Nachbarschaft, so dass diese sich eher auf einen Seitensprung einlassen. Die Ergebnisse bestätigen, dass die individuell variablen Merkmale der genetisch festgelegten circadianen Uhr nicht nur die eigenen Überlebenschancen, sondern auch den Fortpflanzungserfolg durch sexuelle Selektion beeinflussen.

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