Parkinson – auch eine Autoimmunkrankheit?

Die Ansammlung eines fehlgefalteten Proteins im Gehirn könnte Immunzellen dazu aktivieren, dopaminbildende Neuronen anzugreifen
Bei der Parkinson-Erkrankung lagern sich Partikel aus Alpha-Synuclein (dunkelbraun gefärbt) in Neuronen der Substantia nigra, einem Teil des Mittelhirns, ab.
Bei der Parkinson-Erkrankung lagern sich Partikel aus Alpha-Synuclein (dunkelbraun gefärbt) in Neuronen der Substantia nigra, einem Teil des Mittelhirns, ab.
© Marvin 101 / Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA 3.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
New York (USA) - Fehlerhafte Reaktionen des Immunsystems könnten bei der Entwicklung der Parkinson-Krankheit eine wichtige Rolle spielen. Wie amerikanische Mediziner jetzt herausgefunden haben, bewirkt ein krankheitstypisches Protein im Gehirn die Aktivierung von Immunzellen, wodurch möglicherweise dopaminbildende Neuronen angegriffen und zerstört werden. Noch ist nicht geklärt, ob diese Autoimmunreaktion eine der Ursachen oder eine Folge der neurodegenerativen Erkrankung ist, berichten die Forscher im Fachjournal „Nature“. Die Ergebnisse weisen auf neue Ansätze für eine Immuntherapie hin, die das Fortschreiten der Krankheit verzögern oder stoppen könnte.

„Die Idee, dass eine gestörte Immunfunktion zur Parkinson-Krankheit beiträgt, ist fast hundert Jahre alt“, sagt David Sulzer von der Columbia University in New York. Aber erst jetzt gebe es ganz konkrete Hinweise für einen solchen Zusammenhang. In geschädigten Hirnzellen von Parkinson-Patienten lagern sich fehlgefaltete Moleküle des Proteins Alpha-Synuclein ab. Bruchstücke dieses Proteins gelangen auch an die Zelloberfläche, wo sie von sogenannten MHC-Proteinkomplexen gebunden und dem Immunsystem präsentiert werden. „Wir konnten zeigen, dass zwei Fragmente des Alpha-Synucleins T-Zellen aktivieren können, die an Autoimmunreaktionen beteiligt sind“, sagt Sulzer.

Um das nachzuweisen, hatten er und seine Kollegen Blutproben von 67 Parkinson-Patienten und 36 gesunden Personen untersucht. Die Probanden waren zwischen 46 und 83 Jahre alt. Nach Kontakt mit 2 von 20 getesteten Alpha-Synuclein-Bruchstücken zeigten nur die Blutzellen der Erkrankten starke Immunreaktionen. Bei etwa einem Drittel dieser Patienten fanden sich im Erbgut spezielle Varianten von MHC-Genen, die nur bei 15 Prozent der Kontrollpersonen vorhanden waren. Daraus schließen die Forscher, dass bei der Parkinson-Krankheit fehlgefaltete Alpha-Synuclein-Proteine, die von Neuronen nicht mehr entsorgt werden können, an die Zelloberfläche gelangen. Normalerweise erkennen die Immunzellen an den MHC-Strukturen körpereigene Zellen, die unbehelligt bleiben. Doch auf das gebundene Alpha-Synuclein reagiert das Immunsystem so, als ob die Zellen von einem Krankheitserreger befallen wären und eliminiert werden müssten. Deshalb werden Abwehrreaktionen in Gang gesetzt, die gegen solche Zellen gerichtet sind.

Nun wollen die Forscher untersuchen, ob diese Vorgänge das Absterben der Neuronen und den Krankheitsverlauf nur beschleunigen oder von ursächlicher Bedeutung sind. Die bisherigen Ergebnisse könnten aber in jedem Fall dazu dienen, die Diagnose der Krankheit zu verbessern und gefährdete Personen schon in der Frühphase der Erkrankung zu identifizieren, sagt Alessandro Sette vom La Jolla Institute for Allergy and Immunology, ein leitendes Mitglied des Forscherteams. Zunächst müssten die Befunde an weiteren Patienten bestätigt und der genaue Mechanismus der Autoimmunreaktion in Experimenten mit Zellkulturen und Tieren analysiert werden. „Es besteht die Möglichkeit“, so Sette, „dass eine Immuntherapie die Toleranz des Immunsystems gegenüber Alpha-Synuclein erhöhen und so die Krankheitssymptome lindern könnte.“

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