Neues Krebsmittel zerstört Lungentumoren vollständig

Ein Hemmstoff, der Zellteilungen blockiert, war im Tierversuch wirksamer und besser verträglich, wenn er in Form von Liposomen verabreicht wurde
Liposomen transportieren Medikamente zu ihrem Wirkungsort im Körper.
Liposomen transportieren Medikamente zu ihrem Wirkungsort im Körper.
© Shutterstock, Bild 1442646313
Chicago (USA) - In welcher Form ein Wirkstoff verabreicht wird, kann darüber entscheiden, ob Krebstumoren nur schrumpfen oder ganz verschwinden, berichten japanische Forscher. Sie hatten vor zehn Jahren ein Enzym entdeckt, das Krebszellen in großer Menge benötigen, um sich zu vermehren. Ein aus 300.000 getesteten Verbindungen ausgewählter Hemmstoff des Enzyms blockierte im Tierversuch zwar das Krebswachstum, schädigte aber auch die Bildung von Blutzellen. Doch chemisch verändert und in winzige Fettkügelchen eingeschlossen, hat sich der Hemmstoff nun als noch effektiver und wesentlich verträglicher erwiesen, berichten die Mediziner im Fachblatt „Science Translational Medicine”. Sie verabreichten das Krebsmittel Mäusen in Form von Injektionen oder mit dem Futter. Es zerstörte aggressive Lungentumoren vollständig und verursachte nur leichte vorübergehende Nebenwirkungen. Wahrscheinlich wäre der Hemmstoff auch gegen schwer therapierbare Formen von Brustkrebs und andere Krebsarten wirksam. Zunächst sind aber die Ergebnisse klinischer Studien abzuwarten, die in einem Jahr beginnen sollen.

„Es gibt viele Wirkstoffe, die Krebswachstum unterdrücken können, aber es ist ungewöhnlich, wenn Tumoren völlig verschwinden“, sagt Yusuke Nakamura von der University of Chicago. Das experimentelle Krebsmittel OTS964 blockiert das Enzym TOPK, das für die letzte Phase der Zellteilung unentbehrlich ist. „Ohne TOPK können sich die zwei neuen Zellen nicht ganz voneinander trennen. Sie bleiben über eine winzige Brücke verbunden”, so Nakamura. Wenn diese Verbindung dann bricht, löst das den programmierten Zelltod aus. Im Gegensatz zu normalen Körperzellen produzieren die Zellen schnell wachsender Krebstumoren übermäßig viel TOPK und werden deshalb durch den Hemmstoff abgetötet. Brust- und Lungenkrebspatienten haben eine umso geringere Lebenserwartung, je stärker die TOPK-Produktion ihrer Krebszellen ist.

In ihren ersten Tierversuchen beobachtete das Forscherteam von Nakamura jedoch, dass die Behandlung mit OTS964 auch die Blutbildung beeinträchtigt: Die Mäuse bildeten zu wenige rote und weiße Blutkörperchen und zu viele Blutplättchen. Anstelle der reinen Substanz verabreichten die Wissenschaftler den Tieren dann den Wirkstoff in Form von Liposomen, das heißt eingeschlossen in kleinen kugelförmigen Lipidhüllen. Dabei sank die Zahl der roten und weißen Blutkörperchen nur vorübergehend und hatte sich schon nach zwei Wochen wieder normalisiert. Mit der optimierten Verträglichkeit verbesserte sich gleichzeitig auch die Wirkung: Sechs Mäuse mit menschlichen Lungentumoren wurden drei Wochen lang durch jeweils zwei wöchentliche Injektionen mit dem Hemmstoff behandelt. Danach waren bei fünf Tieren die zuvor rosinengroßen Tumoren ganz verschwunden. In einer zweiten Versuchsreihe bewirkte eine zweiwöchige tägliche Einnahme der Liposomen mit dem Futter die Auflösung der Tumoren bei allen Mäusen.

Untersuchungen an Zellkulturen ergaben, dass der Hemmstoff OTS964 wahrscheinlich auch gegen andere Krebsarten wirksam wäre. So zeigten auch die meisten der 30 darauf geprüften Kulturen von therapieresistenten Brustkrebszellen eine stark – im Schnitt um das 14-Fache – erhöhte TOPK-Produktion. Ähnliches gilt für Krebstumoren von Blase, Gehirn und Leber, schreiben die Autoren. Sie erklären die verstärkte Wirksamkeit bei Verwendung von Liposomen damit, dass der auf diese Weise eingesetzte Hemmstoff in höherer Konzentration in das Tumorgewebe gelangt. Die jetzt geplanten klinischen Studien sollen zunächst die Verträglichkeit des Krebsmittels bestätigen, bevor dann auch der Therapieerfolg am Menschen geprüft werden kann.

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