Neandertaler: Ausgestorben wegen Kannibalismus?

Einer Computersimulation zufolge könnten die Neandertaler durch den Verzehr von Artgenossen selbst maßgeblich zu ihrem Niedergang beigetragen haben
Schnittspuren in menschlichen Knochen lieferten Hinweise auf Kannibalismus bei Neandertalern.
Schnittspuren in menschlichen Knochen lieferten Hinweise auf Kannibalismus bei Neandertalern.
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Tarragona / Barcelona (Spanien) - Es ist nicht geklärt, warum die Neandertaler ausgestorben sind. Zu den möglichen Gründen zählen eine geringere Vermehrungsrate im Vergleich zum Konkurrenten Homo sapiens sowie Probleme bei der Anpassung an eine veränderte Umwelt. Spanische Forscher haben jetzt in einer Computersimulation gezeigt, dass auch die Entwicklung von Kannibalismus als Folge von Nahrungsknappheit wesentlich zum Ende der Neandertaler beigetragen haben könnte. In den Computermodellen erwies sich der Kannibalismus bei ungünstigen Lebensbedingungen nur solange als vorteilhaft, bis sich eine andere, nicht kannibalische Menschenart im gleichen Lebensraum ausbreitete und um dieselben Ressourcen konkurrierte. Demnach hätten die Neandertaler ihr Aussterben letztlich selbst herbeigeführt oder zumindest beschleunigt, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Quaternary International”.

„Die Ergebnisse unseres Experiments zeigen exakt den Ablauf von Ereignissen, der nach unserer Hypothese zum Aussterben der Neandertaler geführt haben könnte“, erklären Jordi Agustí von der Universitat Rovira i Virgili in Tarragona und Xavier Rubio-Campillo vom Barcelona Supercomputing Centre. In der Welt ihres Computermodells lebten zu Beginn mehrere Gruppen derselben menschlichen Spezies – die Neandertaler – in voneinander abgegrenzten Lebensräumen. Diese unterschieden sich in Reichtum beziehungsweise Knappheit an lebensnotwendigen Ressourcen. Unter optimalen Bedingungen stieg die Mitgliederzahl einer Population so stark, dass sie sich aufspaltete und in zwei getrennten Gebieten weiterlebte. Jede Population wurde mit einem unterschiedlich stark ausgeprägten Merkmal von Kannibalismus ausgestattet. Verspeist wurden nur Artgenossen innerhalb des festgelegten Lebensraums. Kannibalismus diente keinen kultischen Zwecken, sondern nur der zusätzlichen Nahrungsbeschaffung.

Waren die Nahrungsressourcen im jeweiligen Lebensraum ausreichend, entwickelten sich die Bevölkerungszahlen unabhängig vom Ausmaß des Kannibalismus. Der Verzehr von Artgenossen hatte also unter günstigen Lebensbedingungen keine Vor- und Nachteile für den Bestand der Art. Bei anhaltender Nahrungsknappheit allerdings überlebten im Lauf der Zeit nur die am stärksten kannibalisch geprägten Populationen, die anderen starben aus. Nachdem sich diese Situation in der Computerwelt entwickelt und stabilisiert hatte, fügten die Forscher Gruppen einer neuen Spezies – den Homo sapiens – in das Szenario ein. Den Einwanderern fehlte eine kannibalische Neigung völlig. Sie wurden von den Ureinwohnern zwar nicht angegriffen, konkurrierten aber mit ihnen um dieselben Ressourcen. Das führte schließlich dazu, dass die Zahl der Neuankömmlinge immer weiter stieg, während die Kannibalen in unwirtliche Randgebiete abgedrängt wurden und letztlich ausstarben. Die Situation am Ende dieser Entwicklung ähnele sehr stark dem, was wir über das Ende der Neandertaler-Ära wissen, schreiben die Forscher.

Das mehr als 100.000 Jahre währende Zeitalter der Neandertaler in West-Eurasien endete vor 30.000 bis 40.000 Jahren ziemlich abrupt, so die Autoren. Genau in dieser Zeit des Niedergangs breitete sich der Homo sapiens in Europa aus. Einer verbreiteten Theorie zufolge könnte der moderne Mensch den Neandertaler einfach durch eine höhere Vermehrungsrate aus dem gemeinsamen Lebensraum verdrängt haben. Andererseits haben Schnittspuren in Knochen aus verschiedenen Ausgrabungsstätten Hinweise auf Kannibalismus bei Neandertalern geliefert. Aber wie verbreitet dieses Merkmal war und ob es nur kultischen Zwecken oder auch der Nahrungsbeschaffung in Notzeiten diente, ist ungewiss.

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