Mit Krebsmittel gegen Alzheimer

Eine bisher nur zur Krebsbehandlung eingesetzte Immuntherapie beseitigt im Tierversuch Ablagerungen im Gehirn und verbessert die Gedächtnisleistung
Beta-Amyloid-Ablagerungen (orange) zwischen den Hirnzellen sind ein typisches Merkmal der Alzheimer-Demenz.
Beta-Amyloid-Ablagerungen (orange) zwischen den Hirnzellen sind ein typisches Merkmal der Alzheimer-Demenz.
© Shutterstock, Bild 323068634
Rehovot (Israel) - Neuere Krebstherapien zielen darauf ab, die körpereigene Immunabwehr gegen Krebszellen zu stärken. Bei der Entwicklung von Therapien gegen die Alzheimer-Demenz besteht eine vergleichbare Strategie darin, Immunzellen zu aktivieren, die krankheitstypische Ablagerungen im Gehirn beseitigen. Jetzt berichten israelische Forscher, dass ein Krebsmittel aus der Gruppe der Immun-Checkpoint-Inhibitoren im Tierversuch gegen Alzheimer wirksam ist – auch im bereits fortgeschrittenen Stadium der Krankheit. Die Behandlung aktivierte Immunzellen, die Beta-Amyloid-Plaques im Gehirn zerstörten, und verbesserte die Gedächtnisleistung der Mäuse, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Nature Medicine”.

„Die Immun-Checkpoint-Blockade zielt nicht auf einen speziellen, für die Alzheimer-Demenz typischen Krankheitsfaktor ab”, erläutern die Forscher um Michal Schwartz vom Weizmann Institute of Science in Rehovot. „Vielmehr soll diese Behandlungsstrategie die generelle Fähigkeit des Immunsystems stärken, erkranktes Hirngewebe zu heilen.“ Daher sei der Einsatz solcher Medikamente möglicherweise auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen erfolgversprechend. Immun-Checkpoint-Inhibitoren sind Antikörper, die in die natürliche Kontrolle von aktivierenden und hemmenden Immunreaktionen eingreifen. Bei Melanomen und einigen anderen Krebsarten führen diese Wirkstoffe dazu, dass die durch Tumoren unterdrückte Immunabwehr wieder aktiviert wird und die Immunzellen verstärkt Krebszellen angreifen.

Für ihre Experimente setzten die Forscher sogenannte PD-1-Blocker ein, die bereits zur Krebsbehandlung zugelassen sind. Sie arbeiteten mit genetisch veränderten Mäusen, bei denen sich im Alter von zehn Monaten die für Alzheimer typischen Ablagerungen des Eiweißstoffs Beta-Amyloid im Gehirn entwickelt hatten. Zwei Injektionen eines PD-1-Antikörpers im Abstand von drei Tagen verstärkten die Produktion des immunologischen Botenstoffs Interferon-gamma, der unter anderem Immunzellen vom Typ der Makrophagen aktiviert. Nach ein bis zwei Wochen waren im Gehirn vermehrt Makrophagen nachweisbar, die Beta-Amyloid-Plaques beseitigen können. Einen Monat nach den Injektionen schnitten die Mäuse in Wasser-Labyrinth-Tests besser ab als unbehandelte Tiere. Dieser Effekt war allerdings nach einem weiteren Monat kaum noch nachzuweisen. Wurde der Behandlungszyklus aber nach 30 Tagen einmal wiederholt, erreichten die Tiere zwei Monate nach der ersten Injektion sogar ähnlich gute Gedächtnisleistungen wie gesunde Mäuse. Außerdem waren im Hippocampus und in der Großhirnrinde deutlich weniger Ablagerungen erkennbar als bei den nur einmal behandelten Tieren.

In der Krebsimmuntherapie haben sich Immun-Checkpoint-Inhibitoren aus der Gruppe der PD-1-Blocker als relativ sicher und gut verträglich erwiesen, schreiben die Autoren. Erste klinische Studien mit Alzheimer-Patienten wären daher bereits in naher Zukunft möglich.

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