Mehr als nur soziales Kraulen: Warum sich Tauben beim Gefiederputzen gegenseitig helfen

Das „Fremdputzen“ durch Artgenossen beseitigt Läuse so effektiv, wie es sonst nicht möglich wäre, und verhindert damit eine schnelle Ausbreitung der Parasiten in der Gruppe
Foto: Gefiederkraulen beseitigt nicht nur Parasiten.
Foto: Gefiederkraulen beseitigt nicht nur Parasiten.
© Shutterstock, Bild 98612681
Salt Lake City (USA) - Gegenseitiges Lausen gibt es nicht nur bei Affen und anderen Säugetieren. Auch viele Vögel, die in Gruppen leben, nutzen die Hilfe von Artgenossen, um das Gefieder von Läusen oder Zecken zu befreien. Durch „Fremdputzen“ mit dem Schnabel werden die sogenannten Ektoparasiten auch von schwer zugänglichen Körperstellen entfernt. Jetzt haben amerikanische Biologen bei Tauben nachgewiesen, dass eine solche Form der Gefiederpflege für die Parasitenabwehr wesentlich effektiver ist als das Selberputzen. Wahrscheinlich ermöglichte die Entwicklung dieses Sozialverhaltens im Lauf der Evolution ein Zusammenleben in größeren Gruppe – ohne eine gleichzeitig verstärkte Ausbreitung von Parasiten, berichten die Forscher im Fachblatt „Biology Letters”. Generell fördert eine oft nur noch ritualisierte soziale Körperpflege die Paar- und Gruppenbindung und kann Rangordnungen stabilisieren.

„Gegenseitige Gefiederpflege erfüllt zwar auch eine wichtige soziale Funktion. Aber solche Funktionen könnten erst im Nachhinein entstanden sein, nachdem sich dieses Verhalten zunächst zur Abwehr von Ektoparasiten entwickelt hatte“, schreiben Scott Villa und Kollegen von der University of Utah in Salt Lake City. Sie untersuchten die Wirksamkeit der Gefiederpflege am Beispiel von Felsentauben (Columba livia). Jedes Tier wurde zunächst vollständig von Läusen befreit und dann mit genau 25 Läusen (Columbicola columbae) infiziert, die sich von Federn ernähren. Anschließend setzten die Biologen jeweils zwei Vogelpaare für mindestens sechs Monate in einen von insgesamt neun Käfigen. Zu verschiedenen Tageszeiten beobachteten sie dann das Putzverhalten und zweimal ermittelten sie den Läusebefall für jede Taube.

Im Schnitt zählten sie dabei pro Vogel 18 Läuse, wobei die Zahlen zwischen 2 und 81 schwankten. Die Tauben verbrachten fünfmal mehr Zeit damit, sich selbst zu putzen, als sich von anderen putzen zu lassen. Aber ein statistisch relevanter Zusammenhang zwischen Putzdauer und Läusebefall ergab sich nur für das Fremdputzen, nicht für das Selberputzen. Die Gefiederpflege durch Artgenossen verringerte die Parasitenzahl um durchschnittlich 40 Prozent und war damit 17fach wirksamer als das Selberputzen. Die große Effektivität dieses Verhaltens erklären die Forscher damit, dass beim Fremdputzen hauptsächlich junge Entwicklungsstadien der Läuse gefressen werden, die sich im Gegensatz zu den ausgewachsenen Parasiten überwiegend im Kopf- und Nackenbereich befinden. Das sind die Körperstellen, die ein Tier mit dem Schnabel am eigenen Körper nicht erreichen kann. Die bevorzugte Eliminierung der noch unreifen Läuse verhindert frühzeitig einen späteren starken Befall. Ohne gegenseitige Gefiederpflege könnten sich Parasiten sehr schnell in einer Gruppe ausbreiten. Als Nebeneffekt hat die Entwicklung dieses Verhaltens dann auch zum Stressabbau beigetragen und die Gruppenbindung verstärkt.

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