Lebensfreude: Je oller, je doller

Trotz zunehmender körperlicher Beschwerden verbessert sich das psychische Wohlbefinden stetig bis ins hohe Alter – Erklärung steht noch aus
Die meisten Menschen fühlen sich im Alter wohl.
Die meisten Menschen fühlen sich im Alter wohl.
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San Diego (USA) - Es ist paradox: Mit dem Altern lassen zwar körperliche Fitness und kognitive Hirnleistungen nach, aber das psychische Wohlbefinden nimmt immer weiter zu. Was die Forscher einer neuen amerikanischen Studie aber selbst sehr überrascht hat: Diese Zunahme beginnt schon ab dem 20. Lebensjahr und erfolgt nahezu linear mit steigendem Lebensalter. Andere Untersuchungen waren zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. So hatte die Wohlfühlkurve im Lauf des Lebens meist einen eher u-förmigen Verlauf – mit dem Tiefpunkt in den mittleren Jahren und einem erst danach beginnenden Anstieg. Die Ursachen für die davon abweichenden Resultate der aktuellen Studie sind unbekannt, schreiben die Forscher im „Journal of Clinical Psychiatry“. Doch ganz unabhängig davon wäre es wichtig herauszufinden, warum sich mit dem Älterwerden die psychische Verfassung verbessert. Dann ergäben sich eventuell Möglichkeiten, jungen Erwachsenen zu helfen.

„Die Teilnehmer unserer Studie erklärten, dass sie im Lauf der Jahre und Jahrzehnte mit sich und ihrem Leben immer zufriedener wurden“, sagt Dilip Jeste von der University of California in San Diego. Probanden im Alter zwischen 20 und 40 Jahren klagten im Schnitt häufiger über Stress, depressive Stimmungen sowie Angstgefühle und schätzten ihr seelisches Wohlbefinden deutlich geringer ein als die Personen anderer Altersgruppen. Auch die Selbsteinschätzung der 45- bis 55-Jährigen lieferte keine Hinweise auf eine Midlife-Crisis. Ältere Menschen erkranken generell seltener an psychischen Störungen als jüngere, wenn man vom erhöhten Demenzrisiko absieht. Das natürliche Nachlassen des Gedächtnisses und anderer kognitiven Leistungen beeinflusse das Wohlbefinden und die Lebensfreude offenbar kaum, sagt Jeste.

Das Forscherteam befragte 1546 Männer und Frauen im Alter zwischen 21 und 100 Jahren, die in der Umgebung von San Diego lebten. Von der Auswahl ausgeschlossen wurden Personen, die pflegebedürftig waren oder lebensbedrohliche Erkrankungen hatten. Per Telefon und über einen Fragebogen ermittelten die Wissenschaftler kognitive Fähigkeiten, medizinische Daten und subjektive Angaben zur psychischen Verfassung. Die Ergebnisse zeigten, dass mit dem Alter körperliche Gesundheit und kognitive Leistungen deutlich nachließen, während das psychische Wohlbefinden mit der Zeit stetig zunahm. Warum sich die altersbedingten Defizite so wenig auf die psychische Verfassung auswirken, bleibt vorerst ungeklärt. Vielleicht sind dafür im Alter veränderte Hirnfunktionen verantwortlich, die widerstandsfähiger gegen körperlichen und sozialen Stress machen. Ältere Menschen haben möglicherweise gelernt, besser mit Stress und negativen Gefühlen umzugehen und haben weniger Probleme im Umgang mit ihren Mitmenschen. Oder es gibt im Alter einfach weniger psychisch belastende Einflüsse als in jüngeren Jahren.

Eine Schlussfolgerung dieser Studie bestehe darin, so Jeste, dass mehr getan werden müsse, um die psychische Gesundheit von jungen Erwachsenen zu schützen. Das Alter zwischen 20 und 40 sei eine besonders kritische Lebensphase: Man sucht einen Partner, baut an der beruflichen Karriere und hat finanzielle Probleme. Das alles seien Risikofaktoren, die sich mehr oder weniger stark auf die Psyche auswirken und das Wohlbefinden beeinträchtigen können.

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