Längst ausgestorbenes Beuteltier hatte mächtig Biss

Schädelanalysen legen nahe: Nimbacinus dicksoni konnte dank enormer Beißkräfte vermutlich auch Beute erlegen, die größer war als er selbst
Künstlerische Darstellung von Nimbacinus dicksoni, der im mittleren Miozän lebte
Künstlerische Darstellung von Nimbacinus dicksoni, der im mittleren Miozän lebte
© Anne Musser
Sydney (Australien) - Anhand von Fossilfunden auf die Lebensweise längst ausgestorbener Tiere zu schließen, gestaltet sich häufig nicht einfach. Das ist ganz besonders dann der Fall, wenn die Überreste nur teilweise oder in vereinzelten Bruchstücken erhalten geblieben sind. Doch manchmal gelingt auch ein ganz besonderer Fund, der weit mehr verrät als andere. An einem solch außerordentlich gut erhaltenen Schädel des ausgestorbenen Beuteltiers Nimbacinus dicksoni konnten australische Paläontologen jetzt mehr über die Jagdgewohnheiten der prähistorischen Raubbeutler herausfinden. Im Fachblatt „PLoS ONE“ berichten sie: Die umfangreichen Computerrekonstruktionen zur Biomechanik des Schädels lassen vermuten, dass sich der einstige mittelgroße Allesfresser vor etwa 16 Millionen Jahren sogar Beute schnappte, die größer war als er selbst.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Nimbacinus dicksoni ein allesfressender Jäger war“, erklärt Marie Attard von der University of New England. „Seine potenzielle Beute schloss Vögel ein, ebenso wie Frösche, Eidechsen und Schlangen und ein weites Spektrum an Beuteltieren.“ Bei den Thylacinidae handelt es sich um eine heute ausgestorbene Familie der Beuteltiere, die in Australien und Neuguinea lebte. Deren letzter Vertreter war der Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus), der sogar bis ins 20. Jahrhundert überlebte – das letzte Exemplar dieser Art verstarb 1936 in einem Zoo. Andere Namen für den Beutelwolf sind Tasmanischer Wolf, Beuteltiger oder Tasmanischer Tiger. Abgesehen von diesem modernen Vertreter der Familie basiert das Wissen über diese sich vornehmlich von Fleisch ernährenden Beuteltiere in erster Linie auf fragmentierten Fossilfunden.

Für ihre Untersuchungen nutzen Attard und ihre Kollegen einen gut erhalten gebliebenen Schädel von Nimbacinus dicksoni, der in 16 bis 11,6 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in einer fossilen Fundstätte im Nordwesten Queenslands gefunden worden war. Sie erstellten eine digitale dreidimensionale Rekonstruktion des Schädels. Damit führten die Paläontologen verschiedene Analysen durch, um dessen biomechanische Eigenschaften mit denen von Schädeln heute lebender, fleischfressender Beuteltiere sowie dem des jüngst ausgestorbenen Beutelwolfs zu vergleichen. Sie untersuchten etwa Kräfte, die von der sich schließenden Kiefermuskulatur oder einer um ihr Leben kämpfenden Beute ausgeübt wurden, und die jeweiligen Belastungen auf den Schädel.

Es stellte sich heraus: Die mechanischen Eigenschaften des Schädels von Nimbacinus dicksoni ähneln eher denen des größten heute lebenden Beutelmarders: dem Riesenbeutelmarder (Dasyurus maculatus), auch Fleckschwanzbeutelmarder genannt. Mit dem Beutelwolf dagegen hat Nimbacinus dicksoni weniger gemeinsam. Für seine mittlere Größe – sein Gewicht wird auf rund fünf Kilogramm geschätzt – legte Nimbacinus dicksoni vermutlich eine recht hohe Beißkraft an den Tag. Attard und ihre Kollegen vermuten, dass er sogar Beute erlegen konnte, die schwerer war als er selbst. „Der Beutelwolf dagegen“, sagt Attard, „war deutlich stärker spezialisiert als große lebende Raubbeutler und Nimbacinus.“ Wahrscheinlich sei er in der Auswahl der Beute, die er jagen konnte, damit mehr eingeschränkt gewesen und damit anfälliger fürs Aussterben.

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