Kuckuckskinder – beim Menschen seltener als gedacht

Schon seit einigen hundert Jahren liegt der Prozentsatz an Vätern, die das Kind eines anderen aufziehen, auf unerwartet niedrigem Niveau
Mein Kind? Die Mutter ist sich sicher, der Vater nie.
Mein Kind? Die Mutter ist sich sicher, der Vater nie.
© Shutterstock, Bild 86509162
Leuven (Belgien) - Bis vor etwa zehn Jahren gab es keine zuverlässigen Angaben darüber, wie groß die Zahl an Familien mit Kuckuckskindern ist. Früheren Schätzungen zufolge wächst jedes zehnte Kind mit einem Vater auf, der nicht sein biologischer Vater ist. Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass nur ein bis zwei Prozent der Väter ein Kind aufziehen, das nicht von ihnen gezeugt wurde. Auch die naheliegende Vermutung, dass dieser Prozentsatz erst nach der Verbreitung moderner Verhütungsmittel stark gesunken sein könnte, hat sich als falsch erwiesen, berichten jetzt belgische Forscher im Fachblatt „Trends in Ecology & Evolution”. Aus Erbgutanalysen von Menschen mit gemeinsamen Vorfahren gehe hervor, dass schon vor einigen hundert Jahren in verschiedenen Regionen der Welt Kuckuckskinder nicht häufiger anzutreffen waren als heute. Eine Erklärung dafür gibt es noch nicht.

„Die Medien und populärwissenschaftliche Berichte behaupten oft, dass viele Väter in ihren Familien Kinder aufziehen, die nicht ihre biologischen Kinder sind“, sagt Maarten Larmuseau von der Universität Leuven. Seine Forschergruppe konnte aber durch genetische Vaterschaftstests nachweisen, dass in belgischen Familien lediglich ein bis zwei Prozent der Väter mit einem Kuckuckskind rechnen müssen. Untersuchungen anderer Forscher lieferten Rückschlüsse auf Vater-Kind-Beziehungen früherer Generationen. Das ermöglichten vergleichende DNA-Analysen des Y-Chromosoms, das nur in männlicher Linie vererbt wird. Dabei stellte sich überraschenderweise heraus, dass in Belgien über einen Zeitraum von 500 Jahren der Prozentsatz an Vätern mit Kuckuckskindern pro Generation bei nur 0,9 Prozent lag. Derselbe Wert ergab sich für ein Volk in Südafrika. In Norditalien waren es 1,2 Prozent und beim Volk der Dogon in Mali lag die Häufigkeit bei 1,8 Prozent. Demnach existierten Kuckuckskinder in ganz unterschiedlichen Kulturen und auch in Zeiten, als es die heutigen Verhütungsmittel noch nicht gab, in ähnlich geringer Zahl. Die einzigen Ausnahmen bildeten eine mexikanische Bevölkerungsgruppe, die in ärmlichen Verhältnissen lebte, sowie das südamerikanische Volk der Yanomami, bei denen Werte von 20 beziehungsweise 10 Prozent ermittelt wurden.

Von vielen Vögeln und anderen sozial monogam lebenden Tieren ist bekannt, dass sich sowohl die Männchen als auch die Weibchen trotz der Paarbindung Seitensprünge erlauben. Dieses Verhalten ist für beide Geschlechter biologisch sinnvoll, da sich dadurch die Chance auf zahlreichen, genetisch gesunden Nachwuchs erhöht. Beim Menschen scheinen aber für die Frauen die Nachteile eines Seitensprungs mit Folgen vergleichsweise groß zu sein, vermuten die Forscher. Das Risiko einer Scheidung oder die gesellschaftliche Ächtung des Ehebruchs könnten Gründe dafür sein, dass in menschlichen Familien weit weniger Kuckuckskinder zu finden sind, als die Humanbiologen erwartet hatten. Vielleicht waren sich Ehepaare in früheren Zeiten auch treuer als heute. Dann könnten leicht verfügbare Verhütungsmittel verhindert haben, dass mit der Zahl der Seitensprünge auch die Zahl der Kuckuckskinder gestiegen ist. Vorerst bleibt ungeklärt, welche Faktoren von entscheidendem Einfluss gewesen sind.

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