Kohlmeisen: Gleich und Gleich gesellt sich gern

Bei der Wahl des Nistplatzes bleiben ängstliche Meisenmännchen unter sich und meiden die Nachbarschaft von mutigen Artgenossen
Wenn die Chemie stimmt: Männerfreundschaften unter Kohlmeisen
Wenn die Chemie stimmt: Männerfreundschaften unter Kohlmeisen
© Oldiefan / pixabay.com, CC0 1.0 Universell (CC0 1.0), https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
Oxford (Großbritannien) - Nicht nur Menschen wünschen sich Nachbarn, die ihnen selbst in verschiedener Hinsicht ähnlich sind. Auch männliche Kohlmeisen lassen sich bei der Wahl ihres Brutreviers von Persönlichkeitsmerkmalen der Artgenossen in der Nachbarschaft beeinflussen. Das berichten britische Biologen, nachdem sie die Sozialstruktur einer Population dieser Vögel während mehrerer Brutzeiten untersucht hatten. Demnach grenzen die Reviere mutiger Männchen meist an die anderer mutiger Männchen. Entsprechendes beobachteten die Forscher bei den ängstlichen Männchen. Die Weibchen dagegen wählen ihren Brutpartner und beziehen dessen Revier – ganz gleich, wo es liegt. Für die männlichen Vögel spielten soziale Beziehungen bei der Wahl des Brutplatzes eine größere Rolle als die Umweltbedingungen der verschiedenen Standorte, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Animal Behaviour“.

„Wir haben festgestellt, dass die Männchen wählerisch waren: Sie bevorzugten gleichgesinnte Nachbarn“, sagt Katerina Johnson von der University of Oxford. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass soziale Beziehungen von Tieren bei Entscheidungen eine Schlüsselrolle spielen könnten.“ Johnson und ihre Kollegen analysierten die Struktur des sozialen Netzwerks einer Population wild lebender Kohlmeisen in Oxfordshire. Die meisten dieser Vögel waren beringt und nisteten Jahr für Jahr in den mehr als tausend im Wald aufgehängten Nistkästen. Seit 2005 werden eingefangene und am nächsten Tag wieder freigelassene Meisen daraufhin untersucht, ob sie eher ängstlich oder mutig sind. Dazu dient ein kurzer Test, der das Erkundungsverhalten eines Tieres in einer fremden Umgebung mit Hilfe einer Punkteskala bewertet. In sechs aufeinander folgenden Jahren dokumentierten die Forscher, in welchen Nistkästen die ängstlichen und in welchen die mutigen Vögel brüteten.

Bei den Weibchen ergab sich kein Zusammenhang zwischen dem Persönlichkeitsmerkmal der Ängstlichkeit und der Lage der Brutreviere. Ganz anders dagegen bei den Männchen: In manchen Regionen nisteten überwiegend ängstliche, in anderen hauptsächlich mutige Meisen. Die ungleiche Verteilung erwies sich als unabhängig von den Umweltbedingungen im Bereich der einzelnen Nistkästen. Offenbar hat das untersuchte Persönlichkeitsmerkmal einen Einfluss auf das soziale Beziehungsnetz – ganz ähnlich wie beim Menschen, vermuten die Biologen. Im Lauf der Evolution dürfte es sich als vorteilhaft erwiesen haben, dass sich die Individuen einer Population in ihren Verhaltensmerkmalen unterscheiden. Bei den Meisen könnte es für das Überleben und den Bruterfolg nützlich sein, gleichgesinnte Reviernachbarn zu haben.

So wäre es verständlich, wenn ängstliche Männchen die Nähe von mutigen und damit auch aggressiveren und verstärkt zu Seitensprüngen neigenden Artgenossen meiden. Dagegen könnten gleichermaßen mutige Nachbarn gemeinsam effektiver Eindringlinge abwehren. Für die Weibchen ist die Nachbarschaft weniger wichtig für ihre biologische Fitness, da für sie die bereits erfolgte Wahl des besten Brutpartners von größter Bedeutung ist. Die Meisenmännchen knüpfen soziale Bindungen in den Wintermonaten, wenn die Vögel in kleinen Gruppen auf Nahrungssuche gehen. Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass solche Beziehungen andauern und zu benachbarten Brutrevieren führen.

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