Ins Hirn geschaut: Männchen und Weibchen reagieren unterschiedlich auf Stress

Soziale Isolation löst in bestimmten Neuronen weiblicher Mäuse stärkere Stressreaktionen aus als bei männlichen – körperlicher Stress dagegen wirkt auf beide Geschlechter gleich
Einsamkeit ist eine Form von sozialem Stress.
Einsamkeit ist eine Form von sozialem Stress.
© jarmoluk/ pixabay, CC0 1.0 Universell, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
Calgary (Kanada) - Ist man Teil eines sozialen Netzwerks, lässt sich Stress besser ertragen. Dagegen wird soziale Isolation selbst bereits als Stress empfunden. Verschiedene Arten von Stress verändern die Aktivität bestimmter Neuronen im Gehirn, was nachfolgend Stresshormone freisetzt. Jetzt haben kanadische Forscher entdeckt, dass diese Hirnzellen bei weiblichen Mäusen auf soziale Isolation viel stärker reagieren als bei Männchen. In der Reaktion auf körperlichen Stress unterschieden sich beide Geschlechter nicht, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt „eLife“. Da die Versuchstiere noch nicht geschlechtsreif waren, kann dieses Ergebnis nicht auf dem unterschiedlichen Spiegel an Sexualhormonen beruhen. Möglicherweise haben soziale Bindungen zur Vermeidung und zum Abbau von Stress für weibliche Lebewesen generell eine größere Bedeutung als für männliche.

„Viele Lebewesen, darunter auch die Menschen, nutzen soziale Beziehungen, um die Auswirkungen von Stress zu verringern“, sagt Jaideep Bains von der University of Calgary, der Leiter der Arbeitsgruppe. Aber es gebe Hinweise auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern: „Einige Untersuchungen haben gezeigt, dass Mädchen empfindlicher auf sozialen Stress reagieren als Jungen.“ In Experimenten mit Mäusen versuchten die Forscher nun nachzuweisen, ob es geschlechtsbedingte Unterschiede von Reaktionen im Gehirn auf verschiedene Formen von Stress gibt.

Dazu teilten sie Mäuse nach der Geburt in Gruppen von jeweils drei bis fünf Tieren des gleichen Geschlechts ein. Nach der Entwöhnung blieb ein Teil der Mäuse als Kontrolle weiterhin in ihrer ursprünglichen Gruppe. Die anderen wurden entweder paarweise oder einzeln für 16 bis 18 Stunden in einen Käfig gesetzt. Anschließend ermittelten die Wissenschaftler die Aktivität sogenannter CHR-Neuronen im Hypothalamus. Diese Hirnzellen kontrollieren die Freisetzung von Stresshormonen. Bei den Weibchen, die ganz allein geblieben waren, veränderte sich die Aktivität der Neuronen so, dass der Spiegel an Stresshormonen anstieg. Bei den separierten Männchen war das nicht der Fall. Für die Weibchen, die paarweise von ihrer Gruppe getrennt wurden, blieb der Stresseffekt geringer. Wurden die Mäuse gezwungen, 20 Minuten zu schwimmen, waren die im Hirn messbaren Stressreaktionen bei beiden Geschlechtern gleich.

Verschiedenartiger Stress löst also bei CHR-Neuronen unterschiedliche Reaktionen aus und wird von Männchen und Weibchen anders empfunden. Weitere Arbeiten sollen jetzt zeigen, ob die negativen Folgen von sozialer Isolation durch Rückführung in die soziale Gruppe wieder rückgängig gemacht werden können und ob es Langzeitwirkungen für den Umgang mit Stress im späteren Leben gibt.

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